Noch ist SARS, die tückische "Lungengrippe", nur eine Infektionskrankheit wie andere auch, hoch ansteckend zwar, aber noch keine wirkliche Pandemie. Und doch werden angesichts der Bilder aus Hongkong und Kanada Erinnerungen wach an Zeiten, die man hierzulande längst vergessen glaubte. Man muss wahrlich nicht bis ins Mittelalter oder die frühe Neuzeit zurückgehen, als die Pest ganze Städte dahinraffte. Noch im 19. Jahrhundert sorgte die Cholera für Angst und Schrecken, auch in Deutschland.

Dabei hatte sie, als sie Rhein und Elbe erreichte, schon einen langen Weg zurückgelegt. Denn heimisch war die Krankheit, die durch starken Flüssigkeitsverlust zu einer tödlichen Austrocknung des Körpers führt, in Südostasien, dort hatte es immer wieder Epidemien gegeben. Im Jahr 1817 brach erneut die Seuche aus, und diesmal zog sie unaufhörlich Richtung Morgen- und Abendland. In der islamischen Welt folgte sie den Straßen der Pilger. 1822 traf sie in Damaskus ein. Von hier nahm sie den Weg südwärts nach Mekka und Jeddah, und von dort gelangte sie nach Alexandria ans Mittelmeer. Nordwärts zog sie nach Russland, Richtung Westen. "Es wurde sogar die Behauptung gewagt, daß sie in vier Jahren bereits am Rhein eintreffen könnte", berichtet der Tübinger Arzt Friedrich Schnurrer 1825 am Ende seiner zweibändigen Chronik der Seuchen.

Als er diese Zeilen schrieb, stand sie gerade in Astrachan an der unteren Wolga. 1830 langte sie in Odessa an, im September desselben Jahres in Moskau, wo sie 8731 Menschen ergriff und etwa 4500 ins Grab riss. Die Erhebung im russischen Polen, 1831 von den Truppen des Zaren NikolausII. brutal niedergeschlagen, begünstigte ihren Weg entlang der Ostsee nach Westen. Die preußische Regierung ließ einen dreifachen Militärkordon aufstellen; aber mit dieser Form von Gewalt war der Zustrom der Mikroben nicht aufzuhalten.

Bald wütete die Cholera in Königsberg und Danzig, in Königsberg raffte sie zwei Prozent der Bewohner hinweg. Vom nordöstlichsten Deutschland breitete sie sich nach Westen und Süden aus, bevorzugt entlang den Flüssen. Im Juni 1831 war sie in Posen, im August in Hinterpommern, im Oktober in Hamburg. 1831/32 erkrankten hier 3349 Menschen, 1652 starben. Auch in Berlin gab die Bilanz zur Sorge Anlass: 2271 von 230000 Berlinern erkrankten, 1426 Menschen starben.

1832 hatte sie den Westen Deutschlands erreicht. Düsseldorf erließ radikale Vorsichtsmaßregeln: Der Schiffsverkehr auf dem Rhein wurde eingeschränkt, Einreisende aus verseuchten Gebieten mussten sich einer zehntägigen Quarantäne unterziehen, die Behörden stellten Gesundheitspässe aus.

Süddeutschland blieb diesmal noch verschont. Aber in Wien wütete die Cholera bereits, von Südosten, aus dem Mittelmeerraum, brach sie herein. Dann trat sie, erstmals 1836, auch in München in Erscheinung; es kam zu einer schweren Epidemie.

Es gab kein anderes Thema mehr als diese Krankheit, die bei vielen Infizierten binnen weniger Stunden zum Tod führte. "Die Verhandlungen wegen der Cholera morbus umständlich durchgesprochen", notierte der greise Goethe am 18. Juni 1831 in sein Tagebuch. Aber was war die Ursache der neuen Krankheit aus Asien? Bezeichnend ist ein Gutachten, das die Universität München damals erstellte – es machte die Gestirne verantwortlich.

Gegen die Seuche war kein Kraut gewachsen. In den Symptomen bestand eine oberflächliche Ähnlichkeit mit der hierzulande seit langem bekannten Gallenruhr (Cholera nostras). Aber bei der Cholera handelte es sich um eine für Europäer vollkommen neue Krankheit. Nirgendwo gab es rationelle, auf Erkenntnis der Ursachen beruhende Therapievorschläge. Als Vorbeugemittel nennt der Brockhaus von 1837: "Furchtlosigkeit, eine nüchterne Lebensweise, Vermeidung von Erkältungen, Schwelgereien, Ausschweifungen, übermäßigen geistigen und körperlichen Anstrengungen." Auch reformbewusste neue medizinische Zeitschriften empfahlen die alten Mittel: warme Kleidung und Aderlässe. Viele Ärzte sahen in der Eindickung des Blutes, infolge der schweren Durchfälle, die Ursache für den tödlichen Verlauf und rieten daher zum Aderlass.