Der nette Mann rief: "Das Testauto ist vorm Haus geparkt, ein Seat Arosa." Das ist gut, dachte man, lief sogleich herunter, um sich den Seat mal anzugucken, sah aber nichts. Nur schwere Limousinen aus Süddeutschland standen vor der Tür und rote japanische Cabriolets. Vom Arosa keine Spur. Gott sei Dank gibt es ja diese elektronischen Türöffner – ein Klick, und zwischen all dem teuren Blech blinkte es sacht hervor, fast verschämt. Ehrlich, dieser Seat ist so klein, gerade 3,55 Meter mal 1,64 Meter mal 1,46 Meter. Das ist, als würde man einen Bobtail erwarten, und dann wedelt freudig ein Shi Tzu mit dem Schwanz. Niedlich, aber kann man schon mal übersehen, so was.

Und nun? Was macht man damit? Der Arosa ist keine Familienkutsche, das steht jetzt fest, der große Oma-Tante-Frau-Ausflug muss also ausfallen. Einerseits wäre schon Platz für vier Leute, ob das aber auch bequem würde? Und bequem will man schließlich reisen heutzutage, nicht wahr? Andererseits könnte man sich an tief verwurzelte studentische Eigenschaften erinnern (auf engem Raum viel Spaß haben), man könnte Freunde einladen, zu McDonalds kurven, natürlich Drive-in, fettiges Zeugs bestellen und danach ins Kino fahren. Ins Stadtautokino, denn der Arosa ist ein Stadtauto.

Nun ist das eine dieser Ideen, die man seinen Mitmenschen lieber vorenthalten sollte, sonst rufen sie Sachen, die man eigentlich nicht hören will. In diesem Fall: Super, machen wir! Wir waren dann zu viert und führten sofort den Dialog, der in Kleinwagen rituell immer geführt wird: "Habt ihr Platz da hinten? Ich kann mit dem Sitz auch nach vorne rutschen, ist kein Problem." Von hinten kam der Standardsatz: "Nee, nee, ist okay, reicht schon." Auf dem Weg zum Kino nach Billbrook, als wir über die Moorfleeterstraße hoppelten, wurde uns dann ganz tiefer gelegt zumute. Der Arosa ist hart gefedert. Wir spürten leichtes Vorstadtfeeling, am liebsten hätten wir alle die Fenster runtergedreht, um den Arm rauszuhängen, es regnete aber. Die leeren Straßen, die hässlichen Lagerhallen links und rechts, die Ampeln, die nervös und gelb vor sich hin blinkten, erinnerten uns an amerikanische Teeniefilme. Wir dachten, gleich müsste ein irrer Killer mit weißer Gespenstermaske vorm Gesicht auftauchen, aber bevor wir uns weiter solchen Gedanken hingaben, sahen wir in einer Seitenstraße Autos parken. Die Türen sperrangelweit offen, HipHop dröhnte, dunkle Gestalten drückten sich herum, es sah überhaupt alles recht unfreundlich aus, und kurz rechnete man: Der Arosa hat einen Wendekreis von zehn Metern, er beschleunigt in 12,1 Sekunden von 0 auf 100 – von hier zu fliehen, sollte kein Problem sein.

Es war aber alles ganz harmlos. Die Leute standen nur in der Seitenstraße, weil sie das Eintrittsgeld fürs Autokino sparen wollten. Die Kinobetreiber wissen das, deshalb flackern dort einige Lampen ganz wild, damit kein ungestörter Blick möglich ist auf die Leinwand, die eigentlich gar keine Leinwand ist, sondern aus Aluminium, 36 Meter hoch und 15 Meter breit. Der Autokinoparkplatz ist groß, aber geschickt muss man parken, in der Mitte natürlich und nicht zu weit hinten. Das klappt mit dem Arosa hervorragend. Die servounterstützte Zahnstangenlenkung lässt sich derart butterweich drehen, dass man nicht lange braucht, um die richtige Blickposition zu finden – und zwar für alle im Auto. Der Arosa ist leichter zu parken, als sich zu Hause der Fernsehsessel verschieben lässt.

Dann stellt man den Motor ab, ganz Autokinoneuling, was sich fünf Minuten später als Fehler erweisen wird, weil nämlich die Scheiben beschlagen. Die Standheizung reicht nicht, aber neben jedem Stellplatz hängt eine kleine Heizung, die man in den Fußraum bugsieren kann. Beim Arosa ist das allerdings schwierig, weil er ja so klein ist und der Fußraum zwar reichlich Platz für ein Paar Füße bietet, aber nicht für ein Paar Füße und eine Heizung. Die Fußheizung fliegt also wieder raus. Wir starten das Auto, um die Lüftung anzuwerfen, und keiner der umstehenden Parker merkt was, denn der Arosa hat einen sehr leisen Dieselmotor, der im Stand kaum wackelt, bei rechter Überlegung eigentlich überhaupt nicht.

Vorne flimmerte Maid in Manhattan, ein zu vernachlässigender Film mit Jennifer Lopez und Ralph Fiennes, das Sechsfach-CD-Wechsel-Kassetten-Radio stand auf 96,8 UKW, der Autokinofrequenz, es regnete noch immer, und der Scheibenwischer, einmal auf Intervallschaltung gedreht, schob neunmal pro Minute das Wasser beiseite. Am Ende des Films war er annähernd 945-mal über die Scheibe gerutscht, das nur für die Statistik. Ansonsten? Autoexperten sagen, der Arosa hat die besten Sitze, die in einem Kleinwagen zu finden sind. Nun ja: Im Fond sitzt man gut, weich und überhaupt, leider drücken die Beine des Hintermannes permanent im Rücken. Womit bewiesen wäre: Autokino ist für zwei Leute pro Auto gedacht, nicht für vier.

"Hat J. Lo eigentlich keinen Hals?", fragte Freund Arne von hinten. Wir, auf den guten Plätzen vorne, konnten ihn beruhigen: Doch doch, sie hat einen, aber das sieht man von hinten nicht richtig, das muss an der Krümmung der Frontscheibe liegen. Das freute ihn, aber gleich darauf rief er panisch: "Oh Gott, hier ist überhaupt kein Platz für mein Bier. Wohin soll ich mit dem Bier?" – "Trink’s doch aus", sagte Freundin Angela, und der Tipp erwies sich als brauchbar. Zwar ist im Innenraum alles tipptopp mit schwarzem Leder bezogen, das sieht edel aus, nur zum Abstellen gibt es nichts. Nach zwei Stunden Film fühlt man sich vorne wie nach drei Stunden im Auto sitzen, hinten wie nach zehn.

Komisch ist nur, dass der Arosa nicht so beliebt ist. Er sieht genauso aus wie der Lupo, beide Autos gleichen sich bis in die letzte Schraube. Nur dass am Lupo vorne VW steht und sich beim spanischen Arosa pressetextmäßig ein "dominantes, verchromtes Seat-S" zeigt. Er ist mit seinen 13 330 Euro sogar 500 Euro billiger als der VW. Aber er wird nicht so gern gekauft. Vielleicht liegt es am Namen. Lupo heißt Wolf, und Arosa klingt eher nach Reiskorn.