Bagdad

Bevor man die vier Brüder der Familie al-Mussawi trifft, sollte man Folgendes wissen: Neben ihrem Haus im Bagdader Slum namens Medina al-Sadr steht die Al-Mohsen-Moschee. Hier wirkte der Geistliche Mohammed al-Sadr, bis ihn Saddam Hussein 1998 umbringen ließ. Als die Nachricht von al-Sadrs Tod seine Anhänger erreichte, gingen sie zu Tausenden auf die Straße. Saddam Hussein ließ auf die demonstrierende Menge von einer Fußgängerbrücke aus schießen. Die Brücke stand genau vor der Wohnung der al-Mussawis, inzwischen ist sie eingerissen. Zerstört ist auch das kleine Gebäude der Baath-Partei, das an der Kreuzung stand. Nach dem Fall des Regimes ist kurzerhand ein Bulldozer aufgefahren und hat es niedergewalzt. Es war ein Akt der Befreiung einer geknechteten Bevölkerung. Die eineinhalb Millionen Einwohner der ehemaligen Saddam City sind nahezu ausschließlich Schiiten. Das Viertel wurde nach dem Sturz des Regimes sofort umbenannt: Es heißt jetzt Medina al-Sadr – zu Ehren des ermordeten Geistlichen.

Das sind die wesentlichen Daten, jetzt lässt es sich leichter mit den al-Mussawis reden.

Es ist Freitag, Tag des Gebets. Wahed steht auf dem Dach des Hauses und filmt die Menschenmenge, die sich hier eingefunden hat. Es dürften Zehntausende sein, die ihre kleinen Teppiche auf der Straße ausbreiten, zwischen den Schlaglöchern, dem Staub und dem Müll, der das Viertel Tag und Nacht in eine hartnäckig stinkende Wolke hüllt. Wahed hatte auch 1998 gefilmt, von einem Versteck aus, als die Fedajin Saddam Husseins von der Fußgängerbrücke aus auf al-Sadrs Anhänger schossen und sie zu Dutzenden töteten. Als sein Bruder Nadir später davon erfuhr, nahm er die Videokassette aus der Kamera und trat darauf, bis sie in Stücke brach: "Du spinnst wohl", sagte er zu Wahed, "du wirst uns alle ins Gefängnis bringen. Saddam Hussein wird uns töten!" Nadir war nicht ängstlich, er war nur ein realistischer Mensch. Er wusste, wozu Saddam Hussein fähig war. Alle wussten es.

Wasser fehlt. Es gibt Schlimmeres

Das sind vergangene Zeiten. Wahed witzelt über die Sorgen seines Bruders, der Schrecken ist zu einer Anekdote geronnen. Er lacht und dreht und dreht, als könnte er gar nicht genug kriegen von der Masse Mensch dort unten auf der Straße, von den vielen Stimmen, die Allah lobpreisen, von dem Gebet des Imams, das knarrend aus dem Lautsprecher kommt. Wahed sieht sich satt an der neuen Freiheit. Ja, Freiheit, er sagt dieses Wort und kein anderes. Denn jetzt, nach Saddam Hussein, können die Schiiten hier wieder beten, und er kann filmen, wie es ihm beliebt.

Freilich, die Freiheit in Medina al-Sadr hat noch keinen Strom und auch kein fließendes Wasser gebracht. Das erwähnen die Brüder al-Mussawi, als sie sich in das winzige Wohnzimmer pressen, samt Kindern, Cousins und Gästen. Aber es ist eine beiläufige Bemerkung, wie eine hurtige Entschuldigung vorgebracht. Was ist schon Strom gegen das Ende der Angst? Was ist fließendes Wasser gegen die Möglichkeit, frei zu sprechen?

George W. Bush hätte seine Freude an Wahed al-Mussawi. Auch die Geschichte seines Bruders Rufed könnte ihm Freude bereiten. Im Januar dieses Jahres kamen Offiziere der Republikanischen Garden an das College, an dem Rufed studiert. Seine Klasse musste zehn Kämpfer stellen. Er war unter den zehn. Es gelang ihm, den Tag des Einrückens hinauszuzögern, bis der Krieg zu Ende war. Wie er das schaffte? Rufed macht mit der Hand eine Bewegung, die einen Slalom andeuten soll. Dann lächelt er.