berlin Verbotene Pizza
Touristen entdecken Berlins illegale Restaurants. Die Beamten der Gewerbeaufsicht auch
Niemand weiß genau, was mit dem wohl bekanntesten illegalen Lokal Berlins geschehen ist. Die Stühle stehen auf den Tischen, die Terrasse zur Spreeseite ist verwaist, das Telefon klingt wie kurz vor dem finalen Aus, es ist stockduster, und der ehemalige Betreiber des Vitello Tonnato scheint verschwunden. Nur Gerüchte, keine Gerichte. Statt Seezunge und Malfatti halb gare Infohäppchen à la »Der ist in Thailand«, »Der verbarrikadiert sich in seinem Loft«, »Das ist wahrscheinlich dieselbe Geschichte wie damals mit seinem Lokal am Mehringdamm«.
Das Vitello Tonnato war die Königin von Berlins Flüsterkneipen, jenen illegalen Restaurants, die vor zwei Jahren ohne Konzession geöffnet haben und noch immer für Spannung sorgen. Ein schnieker Treffpunkt für Berlins selbst ernannte In-People war das, für turnschuhtragende Grafiker, schwarz bebrillte Architekten, intellektuelle Journalisten mit Kontaktproblemen, für ein paar wenige Schauspieler aus dem A- und viele aus dem B- und C-Sortiment sowie für die übliche Entourage aus Szenekomparsen. Man war unter sich und feierte und genoss sich selbst und die Absence von Merian- und Lonely-Planet-Touristen und Brandenburgern.
Nun sind die Türen des Vitello Tonnato geschlossen, und das könnte natürlich bedeuten, dass die Berliner Gewerbeaufsicht zu Besuch war. Ein paar atypisch gekleidete Herren, die so billig aussehen wie Berlins Vororte, ein Bußgeld verlangen, Paragrafen rauschen lassen, Auflagen ohne Ende machen – und dann ist Schluss.
Das könnte sein, vor allem, wenn man die Geschichte vom Dolce o Salato als Beispiel nimmt, einer illegalen Pizzeria in der Nähe des St.-Matthäus-Friedhofes, wo die Gebrüder Grimm begraben liegen. Das Dolce o Salato betritt man durch eine kleine Küche, und in der steht Massimiliano, der Capo, dessen Credo es ist, dass Hefeteig »lebt«. Je nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit wird deshalb mehr oder weniger Hefe für seine Pizza genommen, und manchmal hält er einfach einen Finger hoch, um gerade die aktuellen Verhältnisse in seiner Küche zu eruieren. Zwei Jahre steht er nun schon da, brütet über den Geheimnissen von Hefeteig, und vor vier Wochen, an einem Dienstag, waren die Herren von der Gewerbeaufsicht da.
»Tach. Können wir mal bitte Ihre Gastgewerbelizenz sehen, Herr Franzini?«
»Wollen Sie mich verarschen?«, antwortete Massimiliano.
Im Dolce o Salato ist die Atmosphäre grandios, alles ein wenig Kleinitalien, viel Seele, kein Schicki, kein Micki, wie ein kleiner angenehmer Urlaub. Fährt ein Auto vorbei, klingt es wie das Rauschen des Meeres, so ist das dort. Massimos Pizzeria ist im Grunde genommen ein Stehimbiss ohne Lizenz zum Kochen. Genau genommen wird eine Pizza ja gebacken, aber Pizzabacken fällt behördlich aus nicht einsehbaren Gründen in den Bereich des Kochens. Im Hinterzimmer sitzen die Leute auf Gartenstühlen und geblümten Sitzkissen, essen illegale Pizza und trinken zügig Montepulciano aus Plastikbechern, was auch nicht erlaubt ist. Ein kleiner Zettel am Türrahmen klärt verwirrend auf: »Da nur 1 WC vorhanden ist, besteht nur eine Konzession als Stehimbiss für den Vorderraum. Der Genuss alkoholischer Getränke ist nur außerhalb gestattet.«
Nur wer das richtige Codewort kennt, darf einen Tisch reservieren
Massimo wartet auf einen Bußgeldentscheid und Auflagen, das Geschäft führt er erst mal weiter. Noch gibt es kein »Jetzt machen Sie mal schnell Ihr Lokal dicht, Herr Franzini«, bloß eine Rüge bisher. Nicht weil das Dolce o Salato nur über eine Toilette verfügt und nicht zwei. Die Amtsleute hätten gesagt, dass er einen »Trittschallschutz« auf dem Fußboden installieren müsse. Was insofern Sinn macht, als dass er dann im Büro, das im Keller unter seinem Lokal liegt, seine Gäste darüber nicht mehr herumlaufen hören würde.
Zwei Wochen danach sind im Hinterzimmer die Tische und Stühle aufeinander gestapelt. Vorne steht Massimo und hat wirklich schlechte Laune. Hinter sich hat er einen Wutausbruch auf dem Gewerbeamt, vor sich den Weg in die Legalität, der paradoxerweise viel schwieriger ist als jener in die Illegalität. Das Gewerbeamt schreibt ihm vor, was er alles braucht, um eine Vollkonzession zu erhalten. Eine Personaldusche etwa. »Ich dusche zu Hause, mein Pizzabäcker duscht zu Hause. Also, was soll das? Haben die auf dem Gewerbeamt etwa Duschen?« Auf dem Gewerbeamt wollte er um ein wenig Zeit bitten, um diesen Sommer, dass er genug Geld verdienen könne, um sich die »Nutzungsänderung« auch leisten zu können. Versuchte es mit Argumenten, mit Bitten, mit italienischem Charme, mit Händeringen. »Nichts da, Herr Franzini«, hieß es, eine Sonderregelung sei nicht drin. Da war es an der Zeit für einen großen italienischen Wutausbruch. Erst als sie drohten, ihn gewaltsam aus dem Amt zu schmeißen, beruhigte er sich. Ein wenig.
Nun überlegt er, weshalb er sich das überhaupt antut, warum er nicht irgendwo als Koch arbeitet, mit Achtstundenschicht und geregeltem Einkommen. Aber er wird Mitte Mai das Dolce o Salato wieder öffnen, mit Trittschallschutz, Behindertenklo, Personaldusche, Trennwand für das Pissoir und Schulden an der Backe. Er tut es für seine Kunden, die zu ihm halten, die versprochen haben, pizzaessend die Straße vor seinem Lokal zu blockieren, falls alles schief gehen würde. Er sitzt auf einem Gartenstuhl, rührt in seinem Espresso, zieht an einer Zigarette und sagt: »Da war einmal ein Laden, der funktionierte. Nette Gäste, nette Stimmung, etwas ganz Wunderbares war das.«
Es ist schwer zu sagen, wie viele Flüsterkneipen regelmäßig ihre Türen öffnen. Noch schwieriger ist es, zu sagen, für wie lange sie es tun. So plötzlich wie sie kommen, gehen sie auch wieder, machen einfach dicht oder kämpfen sich mühevoll in die Legalität. In Berlin-Mitte gab’s mal eine Flüsterkneipe, da war der Boden mit Rasenteppich ausgelegt, Sand war da und Kunstpalmen, und man konnte prima picknicken. Man ging wieder hin, und sie war weg. Keiner weiß, warum. Sicher ist, dass die illegale Kneipenszene immer noch lebt, sie zum lukullischen Inventar der Stadt gehören, obwohl die very trendy In-People sich darüber beklagen, dass die Flüsterkneipen zu bekannt geworden seien, dass da Krethi und Plethi jetzt hinginge und die ganze Stimmung nicht mehr so hip sei wie noch vor einem Jahr. Damals war es nicht leicht, überhaupt Einlass in eine illegale Kneipe zu finden. Da lungerten irgendwelche Kontaktpersonen auf der Straße, denen man das richtige Codewort sagen musste. Daraufhin bekam man eine Handynummer, um sich einen Tisch reservieren zu können.
Die Perversion solcher Geheimniskrämerei leistete sich bis vor kurzem nur noch das Restaurant über dem Cookies, einer In-Disco, der Typus mit klasse Frauen und Männern, von denen man nie weiß, ob sie schwul sind. Um ins Restaurant im ersten Stock zu kommen, musste man einen Nummerncode kennen, der einem aber erst ausgehändigt wurde, nachdem sich drei Cookies-Kunden für einen verbürgt hatten. Es sei denn, man war ungeheuer prominent. Erzählte man den Code weiter und war man nicht ungeheuer prominent, erhielt man vom Chef persönlich die brutale Höchststrafe: lebenslanges Lokalverbot. Angesichts der heute geschlossenen Tür ist es durchaus denkbar, dass der Chef diesbezüglich ein wenig übertrieben hat.
An der Bar schenkt Nathalie Wein aus. Aber erst nach einem »Antestschluck«
Weniger paranoid gibt sich die Weinerei an der Brunnenstraße im Prenzlauer Berg. Einst kam auch hier keiner rein, der nicht schon Mitglied war, und es blieb nichts anderes übrig, als sich bei einem unterzuhaken, der bereits Mitglied war. Heute läuft man einfach rein, zahlt den üblichen Beitrag von einem Euro und versinkt in diesem kleinen Biotop aus Weinflaschen, Oma-Bildern an der Wand und Häkeldecke über dem Fernseher. Die Stimmung entspricht dem Konsumierten, und Rotwein ist nicht gerade ein Pusher, dafür ist der Sound ziemlich cool. An den Tischen sitzen an diesem Abend hauptsächlich Jungs und Mädchen in Trainingsjacken, es riecht nach Erstsemester und Grafikkurs, im Hinterzimmer nach Suppe. Die studentische Masse lässt sich dadurch erklären, dass man in der Weinerei bezahlt, was man für angemessen hält. Hinter der Bar steht Nathalie, die einem den Wein auf seltsame Weise schmackhaft machen will und Sachen sagt wie: »Antestschluck« und dass dieser Spanier »nichts Vanilliges besitze«.
Im White Trash in Berlin-Mitte trinken die Leute hauptsächlich Bier und Club-Mate aus großen Flaschen, später Whisky. White Trash, das ist Wally, Walter E. Potts aus L. A., einst Koch im illegalen Eschloraque-Club der Dead Chickens. Damals trug Wally enge T-Shirts, und man sah sein White-Trash-Fast-Food-Tattoo auf dem rechten Unterarm. Heute, in seiner eigenen Kneipe in einem ehemaligen China-Restaurant an der Torstraße, trägt er Jackett und Cowboyhut. Hinter ihm Hongkong-Deko, über der Bar eine Hirschkuh mit Schaum vorm Mund und leuchtenden Augen. Das White Trash ist ein Verein, die übliche Geschichte, Namen eintragen, einen Euro Mitgliederbeitrag bezahlen. Der Türsteher trägt kahl rasiert und am Hinterkopf ein Ninja-Schwänzchen. Er sorgt dafür, dass hier keine Mitte-Menschen Einlass finden, sondern nur solche, die »keine assholes« sind.
Zwei Ladys machen Easy-Listening-Sound, die Kellnerinnen sind eine ironisierte Mischung aus abgelutschten Playboy-Häschen, die keine Haut zeigen, und Serviertanten aus dem amerikanischen Mittelwesten der fünfziger Jahre. Die Gäste sind meist anständig blau. Aber der Alkohol trifft den Magen gut vorbereitet. An diesem Freitag gab es: »Fillet of freedom fighting Rotbarsch coated with Wally’s special crunchy, better than in London, Beck’s beer batter. Served with our favorite fat boy fries, and of course Heinz ketchup to drown the shit in.«
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 30.04.2003 Nr.19
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