Mit Staunen haben wir dem Dossier über Äthiopien einige Ausführungen über das Land, in dem wir seit einigen Jahren leben und arbeiten, entnommen: Äthiopien sei gar kein Hungerland - eine Dürre werde der Weltöffentlichkeit von Hilfsorganisationen nur eingeredet - die Brunnen seien gefüllt. Weil das so sei und weil ein im Lande lebender deutscher Experte sage, Äthiopien könne sich selbst ernähren, brauchten die Äthiopier auch keine Hilfe von außen. Vor allem benötigten sie keine Nahrungsmittelhilfe durch das Welternährungsprogramm, weil dessen Experten Krawatten tragen, dicke Gehälter einkassieren und die größten Autos fahren.

Ach, Autor, hättest du geschwiegen! Oder besser recherchiert, besser beobachtet und zugehört! Oder hättest wenigstens die meteorologischen Daten geprüft - denn die zeigen eindeutig, dass in Teilen Äthiopiens seit Jahren sehr wohl eine ausgeprägte Dürre herrscht. Das wird auch dadurch nicht falsch, dass man durch einen für Halbwüstenklima typischen lokalen Regenschauer nass wird.

Geschwiegen hätte der Autor auch besser zu anderen angeblichen Erkenntnissen: Natürlich kann man die von ihm bereiste Somali-Region nicht als repräsentativ für das ganze Land nehmen. Natürlich gibt es Nomaden, die auch Getreide essen, und natürlich wird in vielen Fällen auch Bargeld alternativ zur Nahrungsmittelhilfe gegeben, dann nämlich, wenn es auf dem örtlichen Markt genug zu kaufen gibt. Außerdem ist es natürlich blanker Unsinn, dass nur 22 Prozent der Hilfe bei den Bedürftigen wirklich ankommen. Gerüchteweise gibt es Einzelfälle, wo bis zu 20 Prozent der Hilfe nicht angekommen sind. Das wäre schon schlimm genug.

Unsere Beobachtungen in Äthiopien sind andere: Die Krise in Äthiopien ist alles andere als medial inszeniert. Angesichts der Irak-Krise hatten die Medien überhaupt kein Interesse an Afrika. Millionen Menschen in Äthiopien hungern und benötigen Nahrungsmittelhilfe zum Überleben, ob elf Millionen, wie Regierung und UN behaupten, oder "nur" neun Millionen, ist fast schon unerheblich - es sind in jedem Falle viel zu viele. Statt eine Verschwörung von äthiopischer Regierung, Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen zur Erhöhung der Hilfe zu erfinden, ist es angesichts dieses millionenfachen menschlichen Elends zunächst viel wichtiger zu fragen, wie akut Überleben gesichert werden kann und was nach der Nahrungsmittelhilfe kommt, um solches Elend in Zukunft zu vermeiden. Und genau da hätte der Autor mal die Arbeit privater Hilfsorganisationen vorstellen können, die aus der berechtigten Kritik an der jahrelangen und massenhaften freien Verteilung von Nahrungsmitteln, an der Gängelung der Hilfe durch die äthiopische Regierung viel gelernt haben. In demokratischen Systemen gibt es keine Hungerkatastrophen.

Ihr Autor lässt den Leser leider ratlos zurück. Wir können guten Gewissens den Rat geben, mehr Hilfe über private Hilfsorganisationen abzuwickeln, will man Fehler der Vergangenheit vermeiden.

Iris Krebber, Axel Weiser Deutsche Welthungerhilfe Addis Abeba

Ich bin Redakteurin beim österreichischen Rundfunk und habe vor einem Jahr eine Dokumentation über Das Land der Wasserkraft (= Äthiopien) gestaltet.