Was André Breton nicht vergönnt war, das hat Henri Cartier-Bresson erreicht: die Eröffnung eines Museums und einer Stiftung, die das Lebenswerk des heute 95 Jahre alten Fotografen sichern. Während Bretons Kunst- und Kuriositätenkabinett jüngst im Pariser Auktionshaus Druot in alle Winde zerstreut wurde (siehe ZEIT Nr. 17), beziehen Sammlung und Archiv von Cartier-Bresson diese Woche ein prachtvolles Atelierhaus. Das ungleiche Schicksal ist umso betrüblicher, als Cartier-Bresson nicht nur Bewunderer Bretons war, sondern auch dessen Revolution der assoziativen Montage, der Zufallsästhetik und der unterbewussten Sinnbezüge auf die Fotografie übertrug.

Ohne den Surrealismus ist Cartier-Bresson und damit die Blüte der modernen Fotografie nicht denkbar. Denn der Fotograf und der Schriftsteller waren beide überzeugt, dass es den Zufall nicht geben kann und jeder flüchtige Moment in einem tieferen Zusammenhang steht. Bevor der Bildjournalismus von der Jagd nach dem spektakulären Schnappschuss dominiert wurde, entwickelte Cartier-Bresson seine an der kubistischen Malerei geschulte Kunst, durch abwartendes Beobachten die Ereignisse in jenem Augenblick festzuhalten, in dem sie wie durch einen Akt der Vorsehung in größter ornamentaler Schönheit erstrahlen.

Dass Cartier-Bresson diskret bis zur Selbstverleugnung arbeitete und trotz seines Weltruhms durch die Elite-Agentur Magnum jeden Persönlichkeitskult vermied, zeigt die vom Meister eingerichtete Eröffnungsausstellung in seiner privat finanzierten Museumsstiftung: eine exquisite Anthologie seiner Lieblingsaufnahmen, bei der die größten Lichtbildner der Gegenwart vertreten sind – nur Cartier-Bresson selbst nicht. Zum Ausgleich dafür hat der Verleger Robert Delpire in der Pariser Nationalbibliothek die wohl opulenteste Cartier-Bresson-Schau aller Zeiten eingerichtet. Sie versammelt frühe Abzüge, Zeichnungen und Manuskripte sowie seltene Porträts des fotoscheuen Meisters. Diese Reliquien rahmen die teils chronologische, teils affektive Zusammenstellung nahezu aller Glanzlichter aus Cartier-Bressons fotografischen Weltreisen: In Indonesien beobachtete er den Rückzug der Niederländer, in Indien traf er Mahatma Gandhi eine Viertelstunde vor dessen Ermordung, in China erlebte er die Flucht der Kuomintang vor Maos Truppen. Die zuweilen plakatgroßen Abzüge wirken selbst bei Massenszenen wie kontemplative Stillleben. Der Meister braucht keinen Blitz, keine Inszenierung und keine Mehrfachaufnahmen, sondern vermag nur durch konzentriertes Zielen – er verglich sich mit einem Bogenschützen – den Zufall vorauszuahnen. Leitmotivisch ziehen sich schlafende Menschen durch die berühmtesten Bilder, etwa bei der Krönung von GeorgesVI. am Trafalgar Square 1937, wo zu Füßen der Menge ein erschöpfter Passant das welthistorische Ereignis verschläft. Selbst noch die Toten scheinen bei Cartier-Bresson zu träumen.

Der Fotograf erscheint selbst wie ein hellwacher Schlafwandler, der seine Empfänglichkeit für den objektiven Zufall an den Traumexperimenten der Surrealisten geschult hatte. Es heißt, dass der Breton-Gefährte Saint-Pol-Roux einst, wenn er sich zu Bett legte, an seine Tür das Schild hängte : "Le poète travaille" – "Der Dichter arbeitet". Über Cartier-Bressons Lebenswerk könnte stehen: Der Fotograf träumt.

Die Ausstellung in der Nationalbibliothek François Mitterrand, Quai François-Mauriac, läuft bis zum 27. Juli