Im Fernsehen wirkt Tony Blair stets so viel smarter, eloquenter, medienweiser als George Bush - der das größere Empire hinter sich weiß. In der Popmusik verhält es sich ähnlich. Ziemlich exakt eine Dekade ist es her, dass das Vereinigte Königreich im Andenken an die Beatles das Marketingetikett Britpop konstruierte. Bands wie Oasis, Pulp und Blur schickten sich an, die Charts der Welt und insbesondere Amerikas zu stürmen. Heutzutage muss sich Tony Blair beim Erobern mit der Rolle des Juniorpartners bescheiden - und britische Musikzeitschriften feiern hemmungslos amerikanische Rock-Importe.

Doch etwas hat überlebt. Think Tank, die neue CD von Blur (Parlophone/EMI), wirkt wie eine Erinnerung an Zeiten, an die selbst die unmittelbar Beteiligten ungern zurückdenken: Schon seit Jahren versuchen Blur, sich von der kommerziellen Blaupause Britpop zu verabschieden. Während die Band ihr Gespür für Hits in einer Camouflage aus experimentellen Sounds, Lärm und blankem Irrwitz verbarg, verschrieb Sänger und Hauptsongwriter Damon Albarn sich Nebenprojekten wie der Zeichentrickband Gorillaz. Kein Wunder, wenn er in Out of Time, dem feinsinnigsten Song des neuen Albums, wie zu sich selber singt, man sei wohl zu beschäftigt gewesen in letzter Zeit, um die Welt zu bemerken und wie sie sich immer noch sanft um sich selbst dreht.

Auf der Suche nach Auswegen aus der Krise geraten im Think Tank nun alle Werte durcheinander. Eklektizistisch waren Blur immer schon, stets unentschieden zwischen Dissidenz und Dandytum, das hat sich trotz des von der heimischen Musikpresse mit hysterischen Drogengerüchten begleiteten Gesundschrumpfens zum Trio nicht verändert. Jetzt aber, ohne Gitarrist und Bandrocker Graham Coxon, regiert der blanke Dekonstruktivismus und treibt die Zurückgelassenen ins stilistische Nirgendwo. Mit der Arroganz gelangweilter Superstars verbergen Blur ihre wundervollen Melodien in Dub-Experimenten und Avantgarde-Geschwurbel, verschwenden sie zwischen Elektronik-Gimmicks, Dancefloor-Beats und Ethnopop-Geflirre.

Abgegriffener Glamrock und dreiste Selbstzitate tun ein Übriges. Spätestens wenn ein sattes Saxofon einen weiteren Sargnagel in den Free Jazz trötet, wie Blur ihn sich vorstellen, wird klar, dass es hier nicht mehr darum geht, Songs zu schreiben, sondern nach Kräften zu verhindern. In der selbstverliebten Alleskönnerhaltung spiegelt sich, wenn auch ironisch gebrochen, der verlorene Glanz des britischen Pop-Empire. Auf Think Tank döst das Königreich mit halb geöffneten Augen, als wüsste es insgeheim: Der Traum ist aus.