Die Lage ist ernst: Die chinesische Kriegsflotte hält Kurs auf Japan. Kampfjets stehen an der Ostküste Chinas bereit, Panzerverbände und Bodentruppen riegeln die Grenzen ab. Nun soll eine internationale Konferenz den Konflikt abwenden. Der chinesische Staatschef tritt an das Rednerpult. "Wir sehen uns schon zwei Jahre das Treiben in Japan an", sagt er. "Die Bevölkerung ist unterversorgt, die Menschenrechte werden mit Füßen getreten." Pause. "Wir wollen dem japanischen Volk Frieden und Stabilität bringen. Daher erkläre ich Japan den Krieg." Die anderen Politiker raunen. "Angriffskrieg!", ruft einer. Der russische Staatschef spricht von "der billigsten Ausrede für einen Krieg" und droht mit einem Gegenschlag. Westeuropa stellt sich hinter die Russen, während der amerikanische Präsident den Chinesen seine Unterstützung versichert.

Die Floskeln der Politiker klingen vertraut, ungewöhnlich ist ihr Outfit: Der chinesische Staatschef nestelt an seinem Baseballkäppi, der russische Präsident zupft an seinem Kapuzenshirt, und die arabische Wirtschaftsministerin streicht sich eine violette Haarsträhne aus dem Gesicht.

Es sind 20 Schüler der 13. Klasse vom Privatgymnasium Schloss Hagerhof in Bad Honnef. Drei Tage lang schlüpften sie in die Rollen von Bush und Putin, von Chirac und Castro. In der Hannoveraner Emmich-Cambrai-Kaserne spielen sie Politik und internationale Sicherheit, kurz Polis. Diese Polit-Simulation proben Jugendoffiziere der Bundeswehr mit 14000 Schülern pro Jahr. In Schulen, Kasernen und Tagungsstätten packen sie einen gewaltigen Spielplan aus, eine Weltkarte, die an Risiko erinnert, und ziehen dicke Bündel Polis- Dollar hervor, die aussehen wie das Spielgeld bei Monopoly. Entwickelt hat Polis der Politikwissenschaftler Wolfgang Leidhold, um seinen Studenten damit die Weltpolitik zu erklären. Das Spiel gilt der Bundeswehr als politische Bildung für Schüler, legen doch die jungen Soldaten hin und wieder eine Folie auf den Projektor und erklären etwa, wie sich der UN-Sicherheitsrat zusammensetzt.

Als Jugendoffiziere Polis auf der Leipziger Buchmesse präsentierten, gab es Proteste, Motto: "Bücher statt Bomben"; im Irak führen sie Krieg, in Leipzig spielen sie ihn – unmöglich, kritisierten manche Künstler und Verlage.

In Hannover sollen sich die Schüler mit Missernten, Aids und Korruption befassen. Doch über allem schwebt die Schlüsselfrage: Wie hältst du’s mit dem Krieg? Der Lehrer Martin Otto, 40 Jahre alt, findet das Spiel deshalb pädagogisch wertvoll: "Es geht um kritische Reflexion des eigenen Tuns und des Geschehens in der Welt."

Ottos Schüler zählen zur Generation Golfkrieg: Sie sind stolz auf ihren Hurrapazifismus, auf die Demos gegen den Krieg, die meisten Jungen haben den Wehrdienst verweigert. "Der Irak-Krieg hätte nicht kommen müssen", sagt der amerikanische Polis- Präsident. "Die USA machen es sich viel zu einfach", sekundiert die arabische Wirtschaftsministerin.

Ein Spiel wie Polis, so meint man, müsste dann ganz vorhersehbar enden: die Landschaften blühend, die Staaten abgerüstet, die Probleme gelöst. Schöne neue Friedenswelt?

Doch Polis ist komplizierter: Die Schüler haben ihre Länder mit Armeen voll gestellt. Arabien hat sich für 40 Milliarden Polis- Dollar eine Atombombe gekauft, dafür schickt die Regierung die afrikanischen Flüchtlinge in ihre darbende Heimat zurück – es sei denn, es handelt sich um gebildete Muslime. Stell dir vor, wir sind für den Frieden und spielen trotzdem Krieg.