Sein Geschichtsunterricht war eine Katastrophe. Viele Zahlen, viele Namen, keine Zusammenhänge. Die "Einteilung der Weltgeschichte" kann ich heute noch. 1492 zum Beispiel: Entdeckung Amerikas, die Neuzeit beginnt. Aber warum sich die Horde von Abenteurern just zu dem Zeitpunkt auf den Weg über den Atlantik machte, als die Mauren und die Juden von der Iberischen Halbinsel vertrieben waren? Das hat uns der Professor Doktor Leonhard Ferner nicht beigebracht.

Wobei die Nennung der Titel wichtig ist, denn das Ganze spielt in Österreich. Professor darf sich ein Gymnasiallehrer dort nur nennen, wenn er pragmatisiert ist, verbeamtet.

Andererseits war die Pragmatisierung für Leonhard Ferner vielleicht gar nicht so bedeutsam, denn eine Familie hatte er nicht zu versorgen. Er war ledig, alleinstehend und passte hervorragend in unser Bischöfliches Knabenseminar, in dem die Hälfte der Lehrer ohnehin Priester waren, und Frauen (damals, in den sechziger Jahren) nur als Gesinde vorkamen, in Form von Nonnen. "Historia quasi mulier mea est", sagte Ferner, wenn es mal privat wurde, und fügte gleich die Übersetzung hinzu, weil wir nach einem "neuen Lehrplan" lernten und Latein erst als zweite Fremdsprache hatten: "Die Geschichte ist gleichsam, ni’ wa’, meine Ehefrau."

Dieses "ni’ wa’"! Es musste einmal, bevor er begonnen hatte, es in jedem zweiten Satz zu sagen, "nicht wahr" geheißen haben. Und jedes Mal bevor er es sagte, stieß er mit seinem Gaumensegel irgendwie etwas Luft durch die Nase. Außerdem trug er eine knarzende Oberschenkelprothese, seit ihm ein Bein im Krieg abhanden gekommen war. Und eine altmodische, immer verschmierte Bifokalbrille, die er zwischendurch mit bloßen Fingern sauber zu kriegen versuchte. Wenn er "ein paar, drei Dias" aus der Landesbildstelle projizieren wollte, führte er jedes Mal einen aussichtslosen Slapstick-Kampf mit der Technik. Den "Tschenuh" zu imitieren, das schafften auch Schüler mit minderer mimischer Begabung.

Welche Schülergeneration vor uns auf diesen Spitznamen gekommen war und wie, das wussten wir nicht. Nur, ob der Tschenuh an einem bestimmten Morgen schon in einem bestimmten Klassenraum unterrichtet hatte, das konnten wir den ganzen Tag über riechen. Er muss den Knoblauch knollenweise gegessen haben. Und später, als wir unsere Matura feierten, verriet er uns, warum: gegen die Arteriosklerose. Um fit zu bleiben.

Er hatte nämlich noch was vor. Etwas, was ihn zu einem späten Helden für uns machen sollte.

Es begann eigentlich schon, als wir noch in der Oberstufe waren. Irgendeiner von uns "Externen" hatte den Tschenuh am Steuer eines Fahrschulautos durch unser kleines Schwaz fahren sehen. Wahnsinn! Und kurz darauf wusste H., dessen Vater eine einschlägige Werkstatt führte, dass unser Geschichtslehrer einen VW Käfer bestellt hatte.

Die Sensation aber konnten bald darauf die "Internen" melden, die als Internatsschüler praktisch Tür an Tür mit den Lehrern wohnten: Das Auto sei geliefert worden, der Tschenuh habe einen kleinen Ausflug unternommen – dann habe er sich entschlossen, den Wagen für die Mission zu spenden. Sogar den Transport nach Bolivien soll er aus eigener Tasche bezahlt haben.