Sie sagt es leise, als gerade keine Kinder in der Nähe sind. Vorher sieht sie sich noch kurz nach allen Seiten um, dann blitzt ein Verschwörergrinsen über ihr Gesicht. "Ich kann übrigens auch Deutsch", flüstert die Englischlehrerin Rominder Singh mit leichtem Akzent, doch fehlerfrei, "aber das verrate ich meinen Schülern nicht. Sonst würden sie ja doch nur versuchen, auf Deutsch mit mir zu reden." Dann lächelt sie so unschuldig, dass man sofort glaubt, sich dieses Geständnis nur eingebildet zu haben. "Come here, kids!", ruft sie und unterhält sich mit ihrer Klasse auf Englisch.

Rominder Singhs Versteckspiel ist keine Koketterie. Es gehört zur Lehrmethode in den Kids English Camps, die die Sprachschule Berlitz an verschiedenen Orten in Deutschland anbietet: Ein oder zwei Wochen lang wohnen Kinder zwischen sieben und sechzehn Jahren in einer Jugendherberge; sollen sich mit ihren Betreuern im Unterricht und in Workshops ausschließlich in der Fremdsprache verständigen. "Auf diese Weise lernen sie bei uns Englisch so ähnlich wie ihre Muttersprache", sagt Beate Schulte, die für die Camps im Norden zuständig ist. Hausaufgaben mit Vokabelpauken oder stotternde Übersetzungsversuche gibt es in den Berlitz-Ferienlagern nicht. Gelernt wird durch Hören und Sprechen.

"Wo ist euer Mund?"

Einer der Veranstaltungsorte ist die Nordseeinsel Juist, auf der Rominder Singh und andere Betreuer ihre Schützlinge eine Woche lang unterrichten. In einer englischsprachigen Enklave unter Ostfriesen sollen die Kinder ihre Sprachkenntnisse verbessern. Dieses Konzept macht auf den ersten Blick skeptisch. Denn eine Woche ist nun einmal nicht gerade eine lange Zeit. Und außerdem scheint Juist für Englischunterricht so geeignet zu sein wie China für Bayerisch-Lektionen: Häuschen aus roten Backsteinen kauern hinter dem grasbewachsenen Deich, Möwenschreie wehen über sie hinweg. Wellen schmatzen. Manchmal ist dazu noch das Klappern von Pferdehufen und das Quietschen von alten Fahrrädern zu hören. Juist wäre ein guter Ort, um Radfahren zu lernen, Plattdeutsch oder Sandburg-Architektur. Aber wie lernt man hier Englisch?

So zum Beispiel: "Eyes", sagt Rominder Singh zu ihrer Anfängerklasse, und zeigt auf ihre Augen. "These are my eyes." – "Eyes", wiederholen ihre acht Schüler im Chor und deuten auf ihre eigenen Augen. Nacheinander sind Ohren, Mund, Nase, Arme und Beine an der Reihe. "Wo ist euer Mund?", fragt die Lehrerin dann auf Englisch. "Wo sind eure Ohren? Eure Beine? Eure Augen?" Ein paarmal muss sie noch korrigieren: "Nein, eure Augen heißen nicht ears", "Nein, das, womit du hörst, heißt nicht mouth". Doch als das Ende der Stunde naht, sind alle so weit, dass sie bei Zahnschmerzen nicht den Weg zu einem britischen Augenarzt erfragen würden.

"Ich finde es gut, dass einige Kinder hier im Camp sogar noch Grundschüler sind", sagt Rominder Singh in der Pause. Wie für alle Betreuer des Camps ist auch für sie Englisch Muttersprache, doch eigentlich wuchs sie in Delhi mit drei Sprachen auf. "Als Kind tut man sich leichter und hat weniger Hemmungen", berichtet sie aus eigener Erfahrung. Wenn der Unterricht wie auf Juist außerdem Singen, Hampelmann-Basteln und Memory-Spielen beinhaltet, macht es Spaß, eine fremde Sprache zu lernen. "Zu Hause habe ich in der Schule zweimal in der Woche Englisch", sagt Anne, acht Jahre alt. "Aber der Unterricht ist strenger. Hier ist es einfach normal, in einer fremden Sprache zu sprechen."

Und das nicht nur im Unterricht, sondern auch bei der Taschengeldvergabe, der abendlichen Zimmerkontrolle und Bastel-Workshops. Oder am Nachmittag, auf dem Weg zum Meer: Zwar reden die Kinder untereinander Deutsch, aber die Betreuer sorgen dafür, dass Englisch überall präsent ist. Mit einem Wortschwall und Gesten, die jeden Rapper übertreffen, bettelt der Australier David Stahel zwei Mädchen ein paar Chips ab, erklärt allen, am Strand sei eine "Verrückte Olympiade" geplant, macht Small Talk über das Essen in der Herberge und sucht immer wieder Gespräche mit Einzelnen: " What do you think of the beach?" – "The beach is good", antwortet Christopher, zwölf, stockend. " Windy sometimes." Pause. "And cold."

Olympische Spiele am Strand