An Oskar von Miller kommt im Deutschen Museum niemand vorbei. Bei jedem Gespräch mit den Angestellten, jedem Rundgang meint man, dem Geist des Gründervaters zu begegnen, der den heutigen Betreibern ebenso Inspiration wie Bürde zu sein scheint. Und wenn das berühmteste deutsche Technikmuseum jetzt sein 100-jähriges Jubiläum begeht, dann wird man dies in München feiern, wie es ganz nach Oskar von Millers Geschmack gewesen wäre: mit einem Volksfest, so wie es der Museumsvater auch zur Eröffnung anno 1925 steigen ließ. In einem Festzug am 11. Mai werden Fahrzeuge aller Epochen quer durch München ziehen, von der Museumsinsel, vorbei an der Kolossalstatue der Bavaria, die von Millers Vater einst schuf, in ihre künftige Bleibe: Auf dem alten Messegelände wird die erste Halle des neuen Verkehrszentrums (Mobilität und Technik) eröffnet. Dort soll "ein fester Ort für den Dialog über die Zukunft der Mobilität" entstehen, dessen Einweihung unter anderem mit einem spektakulären Autoabwurf des Technischen Hilfswerks von einem Kran und dem "akrobatischen Kradzirkus" der Münchner Verkehrspolizei gefeiert wird.

Doch sosehr sich Oskar von Millers Erben mühen: Im Alltag strömt das Volk nicht mehr so selbstverständlich durch ihre Museumspforten wie noch zu Zeiten des Gründers. Seit Jahren stagnieren die Besucherzahlen. Besonders die Jungen bleiben weg. "Wir konkurrieren mit immer mehr anderen Freizeiteinrichtungen", sagt Museumssprecherin Sabine Hansky – und von denen wildern nicht wenige im Revier des Deutschen Museums. Überall in Deutschland sprießen so genannte Science-Center aus dem Boden, die Millers Traum auf die erlebnisorientierte Spitze treiben: Dort kann man sehen, hören, fühlen, riechen und basteln, mit minimalem Verständnisaufwand und ohne wertvolle Originale schonen zu müssen.

Um dieser neuen Konkurrenz etwas entgegenzusetzen, brauchte es vielleicht jene kreative Energie, die von Miller einst aufbrachte, um die ehrwürdige Institution – heute mit über 50000 Quadratmetern Ausstellungsfläche das größte Technikmuseum der Welt – vor 100 Jahren ins Leben zu rufen. Ein "Museum von Meisterwerken der Naturwissenschaft und der Technik" sollte es werden. So formulierte der Münchner Baurat seinen Plan erstmals in einem Brief vom 1. Mai 1903.

Kühnheiten war man von ihm gewohnt. Dennoch dürfte manch bayerischer Würdenträger ob dieses Vorstoßes skeptisch die Stirn gerunzelt haben. Sicher gehören Meisterwerke ins Museum, aber üblicherweise verstand man darunter in Öl Gemaltes oder in Stein Gehauenes. Und zwar von Künstlern, nicht von Ingenieuren oder Wissenschaftlern. Am 5. Mai bat von Miller zur Besprechung in den Sitzungssaal der Obersten Baubehörde zu München und begründete seine Idee. Die Gesellschaft sei inzwischen geprägt von Wissenschaft und Technik. In seinem Museum könnten Arbeiter verstehen, welche Geisteskraft die Ingenieure in die heranwachsenden Technologien steckten, meinte Miller, und umgekehrt könnten Ingenieure sehen, wie hart die Arbeiter in den Fabriken und Bergwerken schufteten. Bei aller Belehrung vergaß von Miller nicht das Vergnügen. "Unterhaltsam, volksnah und volksbildend" schwebe ihm sein Museum vor. Alsbald hatte der Charismatiker seine Zuhörer überzeugt: Man wählte per Akklamation ein provisorisches Gründungskomitee und spendierte einen Anfangsetat von 260000 Mark.

Zweifellos hatte von Miller die Zeichen der Zeit erkannt: Vor 100 Jahren begannen Forschung und Technik, die Welt durchgreifend zu verändern. Flächendeckende Stromnetze machten in Fabriken, Theatern und Wohnungen die Nacht zum Tag. Die Triebwagen der Königlich Preußischen Militärbahn erreichten 1903 als erste Landfahrzeuge Geschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern pro Stunde. In Detroit gründete Henry Ford die Ford Motor Company. Die französischen Brüder Auguste und Louis Lumière entwickelten das erste praktikable Farbfotoverfahren, und das Bruderpaar Orville und Wilbur Wright, zwei Fahrradhändler aus Ohio, bastelten an ihrem Urflugzeug, dem Flyer 1, der am 17. Dezember erstmals für zwölf Sekunden abheben sollte. Der italienische Telekommunikationsunternehmer Guglielmo Marconi schickte das erste Radiotelegramm über den Atlantik, aufgegeben von US-Präsident Theodore Roosevelt: 54 Wörter an den englischen König Edward VIII. Und in Bern war ein Patentbeamter namens Albert Einstein dabei, die althergebrachten Vorstellungen von Raum, Zeit und Materie über den Haufen zu werfen.

1882: Eine Opernaufführung, live per Telefon übertragen

Von Miller, Jahrgang 1855, war rege beteiligt an diesen Umwälzungen. Der gelernte Bauingenieur begann, sich im Selbststudium die dämmernde Wunderwelt der Elektrizität zu erschließen. 1881 besuchte er die Elektrizitätsausstellung in Paris – und nur ein Jahr später organisierte er die erste derartige Schau auf deutschem Boden, selbstverständlich in München. Er verblüffte sein Publikum mit einer live per Telefon übertragenen Opernaufführung und einem elektrisch getriebenen Wasserfall, für den er Gleichstrom mit einer Spannung von 1400 Volt über die Rekorddistanz von 57 Kilometern von Miesbach nach München übertrug. Mit Glühlampen illuminierte er die Brienner Straße, wo zufällig seine Verlobte Marie Seitz wohnte.

Vielleicht hat Oskar von Miller den Sinn für Spektakuläres ja von seinem Vater geerbt. Ferdinand von Miller hatte im 19. Jahrhundert die Königlich Bayerische Erzgießerei zu Weltruhm geführt. Er goss die neun Tonnen schweren Bronzetore des Washingtoner Kapitols und 1850 gar das größte Bronzebild der Welt: die Kolossalstatue der Bavaria, die seitdem ihren Lorbeerkranz über die oberbayerische Metropole hält. Sohn Oskar tat alles, um den Namen seines Vaters zu überstrahlen. Ab 1890 machte er sich daran, mit einem eigenen Ingenieurbüro von München aus ganz Europa zu elektrifizieren: Er plante Kraftwerke von Riga bis Bozen, von Straßburg bis Siebenbürgen. 1924 baute er das erste Alpenkraftwerk mit Fallrohren vom Walchensee hinab zum Kochelsee.