Im Rückblick sieht vieles, auch im Leben, so einleuchtend und bezwingend aus. Doch zuvor war viel Mühe und Streit. So war es auch im Leben der Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle, die am Sonntag im Alter von 73 Jahren gestorben ist. Dass Theologie und christlicher Glaube zwar keine politische Ursache, aber sehr wohl politische Konsequenzen haben, das ist heute schon so selbstverständlich, dass es kaum noch wahr ist. Dorothee Sölle hat zeitlebens für diese Einsicht gekämpft, vor allem auch in den Politischen Nachtgebeten in Köln, zusammen mit ihrem Mann Fulbert Steffensky. Dass Theologie und christlicher Glaube mit den Augen einer Frau gelesen (und geschrieben!)

anders aussehen als unter dem Deutungsmonopol von Männern, ist uns heute ebenso selbstverständlich, dass schon die Fragen beginnen, wie groß denn der Unterschied wirklich sei. Als Dorothee Sölle in ihren frühen Jahren für beide Einsichten eintrat, schlugen ihr - neben der Zustimmung - nicht nur Kritik (warum auch nicht?), sondern auch heftige Ablehnung, ja Hass entgegen, auch von Leuten, die sich fromm dünkten und dabei gar nicht erkannten, wie fromm Dorothee Sölle wirklich war. Dorothee Sölle wurde 1929 als Tochter des berühmten Arbeitsrechtlers Hans Carl Nipperdey geboren und wuchs als Schwester des nicht minder berühmten Historikers Thomas Nipperdey auf. Zu ihren bekanntesten Texten gehören das Buch Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem ,Tode Gottes' (1965), Phantasie und Gehorsam (1968) - bis hin zu Mystik und Widerstand (1997). Liest man beides parallel - die einfühlsam-distanzierten historischen Kapitel Thomas Nipperdeys über den deutschen Protestantismus und die einfühlsam-engagierten aktuellen Texte seiner Schwester - dann ahnt man nicht nur, welche Spannungen Dorothee Sölle auszuhalten hatte, sondern auch, wie viel sie selbst zur widerspruchsvollen Spannkraft des Protestantismus beigetragen hat.