Der transatlantische Dauerzwist läuft nach immer demselben Muster ab. Diesseits des Atlantiks werden für den Umgang mit nahöstlichen Regimen Duldsamkeit und Diplomatie gepredigt, jenseits des Atlantiks herrschen Druck und Drohung. Gegenwärtig ist der vertraute Schlagabtausch in der Syrienpolitik zu besichtigen. Davor im Disput, ob der Tyrann Saddam friedlich zu entwaffnen oder gewaltsam zu entmachten sei. Nicht anders die Schlachtlinie in Palästina, wo infrage steht, ob Frieden nur mit oder nur ohne Jassir Arafat möglich ist. Dieselbe Konfiguration im Iran, wo die deutsche Politik auf moderate Regierungsreformer setzt, die amerikanische auf Regimewechsel.

In seinem Essay Macht und Ohnmacht diagnostiziert der amerikanische Politologe Robert Kagan als Ursache des Schismas militärische Impotenz, die Europäern keine andere Möglichkeit lasse als das Leben in der Bedrohung bei gleichzeitiger Endlosverhandlung. Kagan benutzt zur Illustration ein Gleichnis: Ein Mann, der nur mit einem Messer bewaffnet ist, glaube, ein Bär, der durch den Wald streift, sei ein hinnehmbares Risiko. Am besten verstecke er sich und hoffe, dass der Bär nicht angreife, weil das Risiko, den Bären mit dem Messer zu jagen, zu groß sei. Derselbe Mann, mit einem Gewehr bewaffnet, komme zu einer anderen Risikoabschätzung. Gegen dieses Gleichnis wird in Deutschland gern ein anderes gesetzt: Für den Besitzer eines Hammers sehe jedes Problem wie ein Nagel aus.

Ohne Erkenntniswert für den deutsch-amerikanischen Konflikt ist Kagans Theorie jedenfalls nicht. Und doch erklärt die Psychologie von Macht und Ohnmacht nur einen Teil des Phänomens. Es sind zugleich historische Lehren, die politische Strategien prägen. Es kann nämlich nicht ohne Wirkung bleiben, wenn sich Präsident George W. Bush mit Beratern umgibt, die schon 1976 im Committee on the Present Danger den Kampf gegen die Sowjet-Diktatur radikalisieren wollten und darüber zu glühenden Anhängern Ronald Reagans wurden. Ebenso wenig wird es Zufall sein, dass Deutschlands heutige Macht- und Medieneliten 1972 quasi im Wahlkampfzug von Willy Brandt sozialisiert wurden. Seine Entspannungspolitik hat weit über die eigene Amtszeit hinaus das Denken einer ganzen Generation geprägt. Zu besichtigen ist also ein transatlantisches Fernduell der Enkel: Willy Brandts Nachfolger gegen jene Ronald Reagans. Ihre prägenden Erfahrungen haben beide Gruppen im Kalten Krieg gemacht – schon damals in der Auseinandersetzung mit der Gewaltherrschaft. Und schon damals stritten sie sich herzlich darüber, ob Reagans Konfrontations- oder Brandts Verständigungspolitik zu bevorzugen sei. Jetzt führen sie ihren alten Konflikt um die Ostpolitik am Beispiel der Nahostpolitik wieder auf, übrigens samt diverser tradierter Missverständnisse.

Brandts Erben geben Zuckerbrot

Den Kern des Disputs bildet heute die Frage, wie der Kalte Krieg gewonnen wurde und was daraus zu lernen ist. Wer nachfragt, warum die Mauer fiel, wird in jedem rechtsintellektuellen Zirkel Washingtons hören: Ronald Reagan riss sie ein, weil er den Osten bekämpfte, indem er ihn totrüstete; unter dessen Reformdruck kam der Totengräber Michail Gorbatschow an die Macht. Dieselbe Frage einem linksintellektuellen Zirkel in Berlin gestellt, wird als Antwort ergeben: Willy Brandt riss sie ein, weil seine Verständigungspolitik, kulminierend im KSZE-Vertrag von Helsinki, Freiräume für den Dissens schuf; unter dessen Reformdruck kam Gorbatschow an die Macht.

Die Entspannungspolitik folgte einer Logik der Subversion. Sie setzte auf "Wandel durch Annäherung". Wie Egon Bahr, einer ihrer Erfinder, einmal sagte, war "partielle Stabilisierung geradezu Voraussetzung der Entspannung. Bürgerrechtsbewegungen waren das erhoffte Produkt". Um dieses Ziel zu erreichen, meinte Bahr, "nicht missionieren" zu dürfen. Er wollte "Vertrauen gewinnen". Auch wenn er es nicht offen sagen konnte, so war doch die "eigentliche Aufgabe, Osteuropa oder Russland von der Krankheit zu befreien, die Kommunismus genannt wird". Weil die Entspannungspolitiker dieser Strategie den Sieg im Kalten Krieg zuschrieben, begannen sie danach mit der Vervielfältigung. In den neunziger Jahren taucht dieselbe Politik als "kritischer Dialog" gegenüber dem Iran wieder auf und fußt auf der Vorstellung, die partielle Akzeptanz der Mullahs werde ihnen die Bildung einer demokratischen Opposition im Lande erleichtern. Anders als die Reagan-Schule arbeitet die Brandt-Schule nur mit Zuckerbrot und nicht mit Peitsche. Deshalb erfreut sich die Palästinensische Autonomiebehörde auf ihrem Weg zur Demokratie seit sieben Jahren finanzieller Förderung – trotz der autoritären Anwandlungen ihres Chefs, Jassir Arafat, und dessen zwischenzeitlicher Duldung des Terrorismus.

Entspannungspolitik hat im Kalten Krieg gelernt, Geduld zu haben. Sie setzt auf Prozess, kaum auf Resultat. Solange die Richtung stimmt, und seien die Trippelschritte auch noch so klein, kann eines fernen Tages der erwünschte Zustand erreicht sein. Die Reihenfolge lautet: erst Eindämmung, dann Entspannung, schließlich Implosion eines Regimes. Diese Gedankenwelt spiegelt sich in dem Glauben wider, man könne Saddam Hussein in Schach halten und irgendwann einfach seinen Sturz zur Kenntnis nehmen. Der Sozialdemokrat Karsten Voigt sagte es so: "Wir in Deutschland kennen die Politik der Eindämmung. 50 Jahre lang haben wir damit gelebt. Es hat funktioniert. Und am Ende bekamen wir den Regimewechsel." Als Brandt-Schüler hat sich auch der Grüne Daniel Cohn-Bendit erwiesen. Noch kurz vor dem Irak-Krieg schlug er dem Oberfalken (und früheren Reagan-Mitarbeiter) Richard Perle öffentlich vor, man solle im Irak lieber "unter dem Schutz der UN eine Zivilgesellschaft fördern. Und dann, ja, dann machen wir es wie in den siebziger Jahren (…) in Helsinki: Mit UN, EU und USA starten wir eine neue, große Konferenz über Stabilität, Entmilitarisierung und Sicherheit im Nahen Osten." Diverse amerikanische Zuhörer, nicht nur Perle selbst, hielten das für Traumtänzerei.

Ronald Reagan hat jede Akzeptanz einer kommunistischen Diktatur abgelehnt, und sei sie auch nur partiell oder vorgetäuscht. Den Freunden vom Committee on the Present Danger stellte er 1978 seine Sowjetunion-Strategie vor, von der er meinte, andere würden sie vielleicht "für simpel, sogar simplistisch" halten: "Wir gewinnen, und die verlieren." Wie sein Biograf Peter Schweizer in Reagan’s War nachzeichnet, glaubte er, dass "Frieden ohne Sieg illusionär" sei. Ein Interesse an der Stabilität des Ostens habe der Westen nicht. Die Bedrohung des Friedens bestehe in der Natur des Kommunismus selbst. So ist jene Rüstungspolitik entstanden, mit der die Sowjetunion in den achtziger Jahren nicht mehr mithalten konnte.