Nordkorea

Baumrinde als Mittagessen

Verbannung, Hinrichtungen, Hungersnot: Nordkoreanische Flüchtlinge berichten von den Verbrechen des Kim-Regimes am eigenen Volk

Die Bäuerin Kim Gyung Suck (*) ist erst vor wenigen Tagen mit ihrer Tochter von Nordkorea nach China geflüchtet. Sie versteckt sich in einem Bauernhaus nahe der Grenze. Aufgeregt berichtet die 40-jährige Frau von ihrer Flucht, während die Tochter angestrengt zuhört. Ungewöhnlich, dass ein kleines Mädchen sich dafür interessiert. Wie alt mag das Mädchen sein? Vielleicht sechs. In Wirklichkeit ist die Kleine 13 Jahre alt. „Von Bergkräutern und Baumrinde können die Kinder nicht wachsen“, erklärt Kim.

Kim erinnert sich daran, wie in ihrer Heimat die Kinder jeden Tag auf den Straßen betteln gingen und sich um jeden Essensrest im Abfall prügelten. Zu Hause brachte sie ihrer Tochter bei, Teller und Schüssel sofort zu verstecken, wenn es an der Haustür klopfte. Denn wer mehr Nahrung besaß, als ihm zustand, der konnte leicht vom Nachbarn angezeigt werden. „All unser Getreide wurde offiziell der Armee gespendet. Für das letzte Halbjahr bekamen wir dann pro Person 14 Kilo Chinakohl und 4 Kilo Mais ausgeteilt. Zusätzlichen Reis mussten wir von unserem Gehalt kaufen. Das Kilo Reis kostet seit der Preisliberalisierung im vergangenen Sommer 160 Won. Wir verdienten pro Monat 1000 Won. Wie sollten wir davon überleben? Jeden Morgen wachte ich mit dem Gedanken auf: Was gibt es heute zu essen?“ Vielleicht ist es das erste Mal, dass sie frei über ihr Leben berichten kann. Auch unter guten Bekannten war das in Nordkorea nicht möglich: „Wenn wir Frauen unter uns waren, sagten wir: ‚Unter einer Atombombe zu sterben wäre besser, als hier zu verhungern‘“, sagt Kim.

In einem Strohkorb, der auf den Rücken geschnallt war, sammelte die Bäuerin Mist, der als Dünger verwendet wurde. Immer wieder musste sie über Leichen steigen, die in Plastiksäcken auf dem Feld lagen. Die Verwandten machten sich nicht mehr die Mühe, ihre Angehörigen zu begraben – auch weil die traditionellen Hügelgräber verboten waren. Stattdessen mussten die Leichen verscharrt werden. „Sonst wäre die ganze Landschaft mit Hügeln bedeckt gewesen, in fast jeder Familie sind Menschen verhungert.“

Politische Versammlungen fanden im Dorf einmal pro Woche, an jedem Mittwoch, statt. Bei der letzten Versammlung, die Kim vor der Flucht besuchte, wurde der Geburtstag Kim Jong Ils am 16. Februar vorbereitet. Für diesen Tag, neben dem Geburtstag des Vaters Kim Il Sung der wichtigste Feiertag des nordkoreanischen Kalenders, versprachen die Kader den Kindern Süßigkeiten. Doch zuvor musste jede Bauernfamilie drei Eier und zwei Kilo Sojabohnen an die Behörden liefern. „Niemand wusste, für wen man das einsammelte, und keiner hatte Eier und Sojabohnen zu Hause“, erinnert sich Kim. „Klar war nur: Wer nicht lieferte, setzte sich dem Vorwurf aus, den großen Führer nicht zu lieben. Also kauften alle die Sachen teuer ein.“

Kims Mann war bereits Monate zuvor nach China geflüchtet. Doch wurde er von der chinesischen Polizei verhaftet und an Nordkorea ausgeliefert. Dort erhielt er drei Monate Freiheitsstrafe. Im Gefängnis wurde er misshandelt, musste mehrere Tage und Nächte ohne Schlaf mit gesenktem Kopf in der Hocke aushalten. Wenn er seinen Kopf hob, wurde ihm von Wärtern ins Gesicht getreten.

Später wurden die Häftlinge gezwungen, schwere Steine einen Berg hoch und herunterzuschleppen, tagelang. Weibliche Gefangene erlitten dabei Fehlgeburten. Während der Gefangenschaft wurden die Häftlinge in Verhören ein ums andere Mal gefragt, ob sie in China mit Südkoreanern oder Ausländern Kontakt gehabt hatten.

Der 60-jährige Chung Dae Hwa (*) gehört zu jenen, die es über die Grenze geschafft haben und bislang nicht entdeckt wurden. Seit einem Jahr versteckt sich der ehemalige Metallingenieur aus der Hafenstadt Chongjin, der größten Stadt in der Region Hamgyong, mit seiner Frau bei einer christlichen Bauernfamilie in der östlichen Mandschurei. Arbeit wagt Chung nicht zu suchen, vor der chinesischen Polizei muss er sich hüten, in seiner Tasche hat er nicht einen Yuan. Doch lachend verkündet der Ingenieur: „In China herrscht heute das Reich der Freiheit. Keiner glaubt mir, wie glücklich ich hier bin.“

Chung, ein Mann, dem man sein Alter nicht ansieht, hat die Folgen des Totalitarismus früh kennen gelernt. Als 20-Jähriger lebte er mit chinesischem Pass unter der koreanischen Minderheit in der Volksrepublik. Damals rief Mao Tse-tung die Politik des „Großen Sprungs nach vorn“ aus, welche die Bauern zwang, ihre Felder aufzugeben, um Schaufeln und Hacken für die Stahlproduktion einzuschmelzen. Das Ergebnis war die größte Hungersnot des 20. Jahrhunderts mit vermutlich über 30 Millionen Toten. Vor ihr flüchtete Chung im Jahr 1962 nach Nordkorea, wo das Regime des Republikgründers Kim Il Sung gerade seine besten Zeiten erlebte. Schnell fand der begabte junge Mann Anschluss, studierte Ingenieurwissenschaften an der Universität Pjöngjang und bekam eine leitende Stellung in der Chongjiner Stahlfabrik. Bald hatte er eine Familie mit fünf Kindern zu ernähren. Das waren die Zeiten, in denen das Pro-Kopf-Einkommen Nordkoreas dasjenige Südkoreas übertraf, heute liegt es noch bei knapp acht Prozent des südkoreanischen. Chung hat sein in Leder gefasstes Hochschulabschlusszeugnis aufbewahrt, daneben steckt ein schwarzweißes Familienfoto aus jenen Tagen in der Jackentasche.

An die Jahre des Hungers, die 1994 begannen, erinnert sich Chung gut. „Wenn man hungert, hat man schlechte Laune, wird schnell nervös und ist zu allem bereit.“ Wieder versucht er ein Lächeln aufzusetzen, so, als müsse es gelingen, den Gedanken die Schwere zu nehmen. „Stellen Sie sich eine Bahnhofshalle voller Menschen vor, in der Sie in völliger Dunkelheit die Nacht verbringen müssen, weil kein Zug fährt. Beim Morgengrauen merken Sie, dass neben Ihnen ein Bettler voller Läuse sitzt und die Tiere längst auch Ihren Körper bedecken. Doch Sie trauen sich nicht aufzuschreien, weil die ersten Sonnenstrahlen auf einen Haufen Leichen in der Ecke der Halle fallen.“ Seine ganze Wut gilt den Mächtigen und dem System in Nordkorea: „Die Hungersnot im Land hat nichts mit angeblichen Naturkatastrophen oder schlechten Ernten zu tun. Sie ist eine ganz und gar von Menschen herbeigeführte Katastrophe. Wie damals in China müssen in Nordkorea alle Menschen in Gruppen zusammenarbeiten. Alle Fabriken und Bauernhöfe sind staatlich. Nur eine winzige Fläche wird jedem Bauern für den Selbstanbau belassen. An ihnen erkennt man den Unterschied der Systeme: Auf den selbst bebauten Flächen gedeihen die Pflanzen, während die staatlichen Flächen verdörren.“

Der Ingenieur macht für die Krise auch das Erziehungssystem verantwortlich: „An den Schulen wird den Kindern beigebracht, Kim Il Sung und Kim Jong Il als Götter zu verehren, politische Schulung steht überall im Vordergrund. Zugleich wird naturwissenschaftlicher Unterricht sträflich vernachlässigt. Das ist ein wichtiger Grund, weshalb sich das Volk kritiklos der ewig gleichen Litanei ergibt: ‚Weil wir unseren Führer lieben, haben wir Verständnis für die Probleme der Regierung und sind bereit, alle Schwierigkeiten zu ertragen.‘ So geht das seit Jahren auf jeder politischen Versammlung“, meint Chung.

Anders als die Bauern, die sich nur einmal in der Woche versammeln, musste Chung als Angehöriger der Arbeiterklasse zweimal am Tag zur politischen Schulung in der Fabrik antreten: jeden Morgen eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn und jeden Abend eine Stunde nach Feierabend – unabhängig davon, dass es wenig zu essen gab. Seine Frau verließ tagsüber die Stadt, um auf Feldern und in den Bergen nach Kräutern und Baumrinde zu suchen. Was nichts daran änderte, dass die Familie, wie die meisten Stadtbewohner, abhängig war von der Armee. Genauer gesagt, von dem, was die Soldaten nicht mehr brauchten. „Meine vier Töchter umlagern noch heute jeden Morgen die Kasernen, um den Soldaten Lebensmittel abzukaufen, die sie dann auf den Märkten weiterverkaufen“, sagt Chung. So könnten sie ein wenig Geld verdienen und am Ende des Tages ein paar Lebensmittel für die Familie übrig behalten.

Misshandlung und Mord gehören zum Alltag in den Gefängnissen

Weil er nicht in Nordkorea geboren sei, glaubt Chung, habe ihm seine Fabrik weniger Lebensmittel zugewiesen als anderen in seiner Stellung. Nicht zu durchschauen seien die Kriterien für die amtlich angeordnete Verteilung von Nahrungsmitteln. Im Ausland lebende Kritiker Nordkoreas sprechen von einem Kastensystem mit über 50 Gruppen, die je nach Regimetreue geordnet seien und bei der Lebensmittelvergabe entsprechend bevorzugt behandelt werden. Die Machthaber in Pjöngjang sorgten dafür, dass die Hungersnot immer diejenigen besonders stark treffe, die dem Regime besonders kritisch gegenüberstehen. „Niemand kannte diese Gruppen“, bemerkt Chung. „Man wusste nur, dass Familien, die Wurzeln in Südkorea hatten oder der alten Besitzerklasse entstammten, stärker unter dem Hunger litten als andere.“

Das Wissen über die Lager für politische Gefangene schürt die Unsicherheit. „Man erfährt von den Lagern, aber weiß nicht, wo sie sich befinden und wer in ihnen gefangen gehalten wird.“ Chung erinnert sich an eine Nachbarin in Chongjin, die Japanisch sprechen konnte. „Eines Tages bekam sie Geschenke aus Japan. Kurz darauf verschwand nicht nur sie, sondern ihre ganze Familie samt Großeltern. Da ahnten wir, dass man sie in ein Lager für politische Gefangene gebracht hatte. Außerhalb der Familie aber verloren wir kein Wort über den Fall und fürchteten uns fortan bei jedem Geschenk, das uns von Verwandten aus China erreichte.“

Fast alle Flüchtlinge können über Erfahrungen mit Gefängnissen berichten. Manche besuchten inhaftierte Familienmitglieder, um Lebensmittel einzuschmuggeln. Andere kamen nach einem missglückten Fluchtversuch selbst hinter Gitter. Alle wissen von der katastrophalen Ernährungslage der Gefangenen und den grausamen Strafaktionen der Wärter. Töten und Misshandeln haben im nordkoreanischen Strafvollzug System. Chronische Unterernährung, bis zu 18 Stunden Schwerstarbeit am Tag und gravierender Mangel an medizinischer Versorgung forderten im berüchtigten Lager Nummer 22 von Nord-Hamgyong mit seinen schätzungsweise 50000 Gefangenen immer neue Opfer. 400000 Menschen sind nach Angaben des südkoreanischen Geheimdienstes seit Ende der sechziger Jahre in den Lagern ums Leben gekommen. 210000 Gefangene waren im Jahr 1999 in zehn Lagern interniert. Heute gibt es noch fünf Lager. Was nicht bedeutet, dass weniger Menschen inhaftiert sind, sie werden nur auf weniger Gefängnisse verteilt.

„Die Existenz der Lager für politische Gefangene steht heute nicht mehr zur Debatte“, resümiert Benjamin H. Yoon, der 20 Jahre lang Generalsekretär von amnesty international in Südkorea war. „Wie Deutschland unter Hitler und die Sowjetunion unter Stalin ist Nordkorea ein Lagerstaat, der jeden Einzelnen verdirbt. Die den Staat befehlen, macht er zu Verbrechern, und die ihm gehorchen, zu Lügnern – denn jedes falsche Wort bringt die ganze Familie in Gefahr“, sagt Yoon.

Nur selten haben sich westliche Regierungen bislang das ganze Ausmaß der nordkoreanischen Krise vor Augen geführt. Eine Ausnahme machte im April vergangenen Jahres die im amerikanischen Außenministerium angesiedelte Kommission für religiöse Freiheiten. „Das Volk Nordkoreas ist das unfreieste der Welt“, resümierte die Kommission, nachdem sie mit nordkoreanischen Flüchtlingen gesprochen hatte. „Jeder Nordkoreaner muss heute um sein Überleben kämpfen – unter einem totalitären Regime, dass jegliche Menschenwürde missachtet und seine Bürger hungern lässt, während es nach militärischer Macht und Massenvernichtungswaffen strebt.“

Diesem Urteil der Kommission kann der ehemalige nordkoreanische Lagerhäftling Kang Chul-Hwan nur zustimmen. „Wir Nordkoreaner haben nichts mehr zu verlieren – und insofern auch nichts dagegen, wenn ein Krieg ausbricht: Hauptsache, das Regime stürzt“, sagt Kang. Der 35-jährige Journalist, der nach seiner Flucht aus Nordkorea als Redakteur bei der Tageszeitung Chosun Ilbo anheuerte, ist der einzige ehemalige Lagerhäftling, der sich heute offen in die politische Diskussion einmischt. Der Spross einer koreanisch-japanischen Intellektuellenfamilie zählt deshalb in Südkorea zu den einflussreichsten Kritikern des Kim-Regimes im Norden.

Schon als Neunjähriger wurde Kang mit seinen Eltern, seiner Schwester und seiner Großmutter in ein Lager für politische Gefangene eingewiesen. Das Kim-Regime hatte damals seinem aus Japan stammenden Großvater politische Untreue vorgeworfen. Kurz darauf verschwand der Großvater im so genannten „Hauptlager“ und wurde nie wieder gesehen, während seine Kinder und Kindeskinder im nicht ganz so grausamen „Nebenlager“ für Familienangehörige inhaftiert wurden. Sie waren Opfer der in Nordkorea bis heute gängigen Sippenhaft für politische Gefangene. Kang überlebte das Inferno zehn Jahre lang. Er schaute zu, wie andere Kinder neben ihm bei Bauarbeiten zu Tode gequält, ihre Leichen von den Wärtern mit Füßen getreten und heimlich begraben wurden. Er beobachtete Folter und Exekutionen. Täglich neue Tote. Als 19-Jähriger verließ er das Lager mit einer Körpergröße von 1,45 Meter. In den zehn Jahren war er kaum noch gewachsen. Vor kurzem veröffentlichte Kang ein Buch über seine Lagererfahrungen. „Jeder musste sich auf seine Weise ernähren“, so Kang, „nur wer sich an Wurzeln, Würmer und Mäuse gewöhnte, hatte eine Überlebenschance.“

Kang hofft, dass der amerikanische Präsident dem Regime in Nordkorea ein Ende bereiten werde. „Bush verkörpert für uns Nordkoreaner eine große Hoffnung, seit er den Begriff von der ‚Achse des Bösen‘ einführte.“ Er habe damit Nordkorea, Irak und Iran zu ebenbürtigen Feinden der Vereinigten Staaten erklärt. Kim gleich Saddam? Für den ehemaligen Lagerhäftling Kang ist das ein zulässiger Vergleich. „Wer von Reformen in Nordkorea redet, stellt Kim Jong Il als rationalen Politiker dar. Wie aber kann einer als vernünftig gelten, der zwei Millionen Menschen verhungern ließ und unter dem die Menschen noch heute verhungern?“

(*) Namen der in China lebenden Flüchtlinge geändert

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  • Von Georg Blume
  • Datum 10.10.2006 - 01:50 Uhr
  • Quelle (c) DIE ZEIT 30.04.2003 Nr.19
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