Nein, um einen Konflikt zwischen links und rechts geht es nicht, das wäre ja noch einfach. In der SPD streiten sich zwei Kulturen: Die eine, für die "Autorität" und "Führung" schon immer viel bedeuteten, und die andere, welche die ganze lange Parteigeschichte hindurch Debatten liebte und pflegte und die sich im Streit zugleich schwächte und stärkte – diese Diskurstradition erhielt mit der Protestgeneration der siebziger Jahre noch einmal mächtigen Auftrieb.

Daran wird man erinnert, wenn man die Parteispitze in ihrer Panik beobachtet, wie der Kanzler am liebsten mit dem Kopf durch die Wand will, wie er den "Autoritären" in sich herauskehrt, den Holtzmann-Kanzler, der als Sponti von oben herab entscheidet. Ganz so, als wolle er damit das andere Image loswerden, das ihm gleichfalls anhaftet, das des Konsens-Kanzlers, der sich nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner richtet.

Leitwolf vor der Urabstimmung

Machtpolitiker von Schröders Art schauen penibel darauf, wer sonst noch so über "Macht" verfügt oder sie streitig machen könnte. Sie hören auf Druck, manchmal nur darauf. Auf diesem Ohr ist er also hochmusikalisch. Für geborene Leitwölfe, und so würden Gerhard Schröder wie Joschka Fischer sich sehen, ist die Graswurzel-Demokratie der Güter höchstes nicht. Und ausgerechnet diese Urabstimmungs-Demokratie, die er so hasst und die einst Rudolf Scharping nach oben beförderte, die soll er jetzt akzeptieren?

Je nach Lage hat sich Schröder als Kanzler mal mehr auf das "Modell Brandt", mal auf das "Modell Schmidt" berufen, manchmal auch auf beide zugleich. Aber er weiß selbst, dass das irgendwie nicht ganz stimmt. Und wofür hätte Brandt in der Geschichte der SPD denn eigentlich gestanden? Er galt nach einem kurzen Höhenflug als zaudernder Sowohl-als-auch-Kanzler, aber er hat mit der Ostpolitik und dem Brückenschlag zwischen den Generationen mehr erreicht als viele. Und für das, was ihm unbedingt notwendig erschien, hat er sich mit einer Risikobereitschaft eingesetzt, das ihm zu weltweiter Autorität verhalf – und im Inneren zu Mehrheiten für eine Politik, die aus der Minderheit kam.

Ihm werde geraten, öfter mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, verabschiedete sich Brandt 1987 von der Spitze seiner Partei, "aber den Tisch beeindruckt das wenig". Seine SPD, inzwischen zur zeitgemäßen Konfliktpartei avanciert, hatte zu dem Zeitpunkt die nächste Protestgeneration bereits verloren: Diskurs-Partei Nummer eins waren fortan die Grünen.

Helmut Schmidt entsprach viel mehr dem Bild des Politikers, der "führt". Er gab dem Affen Zucker, der kleinbürgerlichen Seele, die es in seiner Partei weiterhin gab, und erst recht bediente er Sehnsüchte von Leitartiklern, die wiederum deutsche Wünsche reflektierten, wonach Politik "Entscheidung" heiße. Im Raketen-Streit kulminierte das. Aber nicht das Bild des "eisernen Kanzlers", das er bereitwillig bot, sondern seine Geradlinigkeit, die auf Argumenten und Kompetenz basierte, hat dazu geführt, dass selbst die Niederlagen seine Autorität und Reputation noch beförderten.

Etwas hallt immer noch nach in der heutigen SPD von dieser traditionellen, auch natürlichen Ambivalenz. Auch wenn nicht wirklich debattiert wird – erlaubt muss es wenigstens sein! Beides, die Suche nach Autorität und der antiautoritäre Impuls, hat sich vermutlich in der SPD tiefer eingenistet als in allen anderen Parteien. Nein, einem Joschka-Fischer-Kult nach Art der Grünen über so lange Jahre in derart rigider Form hätten die Sozialdemokraten wohl nicht erliegen können.