Nein, sie würde nicht in der Gegend leben wollen, hat Farkhondeh Shahroudi vorher noch gesagt. Jetzt sitzt sie auf der Rückbank des Kombis, neben ihr Azin Feizabadi, ihr 20-jähriger Sohn. Die Reifen mahlen durch schlammigen Untergrund, als der Wagen auf den Parkplatz einbiegt. Drei Frauen und der junge Mann stolpern hastig auf die Gebäude zu, sie kommen zu spät.

Sharoudi und ihr Sohn stammen aus dem Iran. Bernau liegt in Brandenburg, nördlich von Berlin, und Brandenburg war in den letzten Jahren im Vergleich der Bundesländer mit vorn, wenn es um fremdenfeindliche Ausschreitungen ging. Der Landkreis um Bernau galt unter Rechtsextremen noch Ende der neunziger Jahre als "national befreite Zone". Im Januar 2001 schlugen und traten fünf 18 bis 29 Jahre alte Skinheads in einer Bernauer Wohnung vier Stunden lang auf einen 22-Jährigen ein. Dann brachten sie ihn auf eine Pferdekoppel, zwangen ihn, sich nackt auszuziehen, übergossen ihn mit Benzin und zündeten ihn an. Die Skinheads hatten ihr Opfer verdächtigt, einen von ihnen angezeigt zu haben. Der Mann überlebte, für immer entstellt. Versuchter Ver- deckungsmord, keine Tat aus rechtsextremistischen Motiven, sagten die Richter. Aber da hatte der Name Bernau durch die Berichterstattung bundesweit schon einen unangenehmen Klang bekommen.

Die Kinder, die auf dem Schulhof herumtoben, kreischen und lachen. Die Realschule ist ein Neubau mit Holz und viel Glas, ohne Graffiti an den Wänden. Die Neuankömmlinge gehen an Türen vorbei, hinter denen Kinder schreien, Erwachsene erzählen, hinter denen konzentrierte Stille herrscht.

Bernau hat nicht so große Probleme wie andere brandenburgische Gemeinden. Bernau hat 25000 Einwohner, von denen viele nach Berlin zur Arbeit pendeln, eine hübsche kleine Innenstadt mit einer alten Stadtmauer und einem alten Pulverturm, und man muss lange gucken, bis man auf der Straße jemanden sieht, der rechtsextrem sein könnte. Es gibt gute Sozialarbeiter, einen engagierten Jugendrichter. Und die angesagten Jugendclubs sind eher links.

Manchmal passiert trotzdem etwas. Da wird ein junger Grieche, der mit einer jungen Deutschen durch die Stadt geht, von fünf Kurzgeschorenen nach seiner Nationalität gefragt, und weil er die falsche hat, wird er geschubst, bis er hinfällt. Da wird ein 12-jähriges Mädchen aus Afghanistan von zwei 13 und 14 Jahre alten Brüdern beschimpft und getreten, denn sie ist Ausländerin.

Es sind Dinge, die fast überall vorkommen. Die man schon hundertfach gehört hat. Heute kommen solche Vorfälle seltener in die Zeitungen als vor zwei Jahren. Es gibt anderes, das Angst macht und über das man berichten muss.

Die achte Klasse wartet. 28 Kinder, alle um die 14, ein paar der Mädchen gucken schon nach den Jungs, die Jungs tragen ihre Haare kurz. Shahroudi und Feizabadi, Mutter und Sohn, setzen ein freundliches Lächeln auf. "Hallo", sagt eine der beiden Frauen, die mit ihnen von Berlin hergefahren sind. "Wir haben euch zwei Besucher mitgebracht."

"Ich bin Farkhondeh", stellt sich Shahroudi vor. "Ich bin Azin", sagt Feizabadi. Die Schüler haben sich über den Iran und die Iraner informiert. Jetzt sehen sie eine zierliche Frau Ende 30 ohne Schleier, im schwarzen Pullover, und einen 20-Jährigen mit hippen Koteletten und Sweatshirt. Sie spricht gebrochen Deutsch, er mit leichtem Akzent.