"Am Grunde der Moldau wandern die Steine…", so Bertolt Brecht in seinem Lied von der Moldau, "das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine." Brechts Leben des Galilei erschien am 2. Mai 1963, als Band 1 der edition suhrkamp. Sie wurde damals als Sensation empfunden, denn sie machte, was einer Taschenbuchreihe nie davor und nie danach gelang, Geistesgeschichte, sie lieferte den Proviant für den Aufbruch der sechziger Jahre, sie war ein ästhetischer, ein politischer Befreiungsschlag. Auf Brecht folgten Hermann Hesse, Samuel Beckett, Max Frisch, Günter Eich, es kamen Texte von Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Ernst Bloch. Eine ganze Generation von Intellektuellen lebte mit und aus der "es", wie sie sich abkürzte. Bis heute sind rund zweieinhalbtausend Bände erschienen.

Naturgemäß, wie Thomas Bernhard gesagt hätte (dessen Erzählung Amras als Band 142 herauskam), erfuhr auch die edition das Schicksal der Steine auf dem Grund der Moldau. Raimund Fellinger, der sie seit 1980 herausgibt, erzählte irgendwann in der Neunzigern von einem Studenten, der sagte, wir lebten doch eigentlich in einer Risikogesellschaft, darüber müsse man mal ein Buch schreiben, und nicht wusste, dass Ulrich Beck es bereits geschrieben hatte, 1986 in der "es". Das war das Zeichen jener Veränderung, die Jürgen Habermas in seinem Vorwort zu Band 1000 benannte, als er sagte, die Reihe habe das kulturelle Milieu mit einer gewissen Selbstverständlichkeit prägen können. "Damit ist es nun vorbei." Sie prägte übrigens auch die Wohnkultur: Ikeas Billy-Regale, gefüllt mit den Regenbogenfarben der "es", das war einmal schick.

Damit ist es nun wirklich vorbei, aber wenn man die ganz in Weiß gehaltenen Jubiläumsbände in die Hand nimmt, dann sieht man, dass sich die geistige Botschaft noch lange nicht erschöpft hat. Ludwig Wittgenstein oder Roland Barthes, Uwe Johnson oder Peter Weiss sind Klassiker, sie leben noch, und die lebenden Klassiker wie Peter Sloterdijk oder Durs Grünbein, sie schreiben noch.

Es war Siegfried Unseld, der die Reihe gegen Widerstände erfand, aber er war nicht allein. In dem Lektor Günther Busch fand er den geistigen Kopf. Und ein Foto aus dem Jahr 1962 zeigt ihn im Gespräch mit Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser und Uwe Johnson. So hat er den Verlag groß gemacht: Er nutzte das geistige Kapital seiner Autoren auch für verlegerische Entscheidungen. Wo wäre heute ein ähnlicher Verleger?

So wichtig die edition suhrkamp noch immer ist, ihre alte Bedeutung kann sie nicht mehr haben. Man begreift es, wenn man Peter Handkes Lyrikband Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt liest, zuerst 1969 erschienen, jetzt Band 2422. Was war das für eine glückliche Zeit, als Die japanische Hitparade vom 25. Mai 1968 oder Die Aufstellung des 1.FC Nürnberg vom 27.1.1968 Gedichte waren, lauter „Schrecksekunden“, wie es in den Ratschlägen für einen Amoklauf heißt. Diese Schrecksekundenästhetik, Bürgerschreckästhetik hat man damals geliebt, vielleicht auch deshalb, weil der wirkliche Schrecken weit entfernt schien.