Flackerndes Licht, Schreie, aufgerissene Augen. Modrige Kellerräume, verlassene Straßen, neblige Wälder. Ein ganz normaler Abend in einem Vorstadt-Multiplex. Drei Werbetrailer kündigen an, was uns das Kino demnächst bescheren wird: die Rückkehr einer Totgeglaubten in Die Legende von Darkness Falls, die Ankunft außerirdischer Darmparasiten in Dreamwatch und eine Menge fataler Haushaltsunfälle in Final Destination II. Im Hauptfilm schließlich, Gore Verbinskis The Ring, verbreiten sich todbringende Bilder wie eine Seuche über die Welt, setzt ein Video einen wahrhaften Anti-Schöpfungszyklus in Gang: "In sieben Tagen bist du tot." Beim Hinausgehen fällt das Plakat zu 28 Days Later von Danny Boyle auf, einer Reprise von George A. Romeros Zombie- Trilogie. Wenn man nach einer solchen Breitseite durch einen dieser verlassenen Einkaufskomplexe schleicht, auf der Suche nach dem Parkplatz, kann es einen böse anwehen – als ob der Boden, auf dem sich die Zivilisation in Gestalt von Kinocentern, Erlebnisgastronomie und Promarkt erhebt, plötzlich brüchig geworden wäre.

Die Hand, die aus dem Grab ragt

Tatsächlich formiert sich zurzeit eine ganze Phalanx von Genreproduktionen, die dem aktuellen Kino einen stetigen Unterstrom bedrohlicher bis apokalyptischer Bilder zuführen. Der populäre Film hat die Farbe Schwarz wieder entdeckt, das trostlos Düstere, den Horror von der klebrigen, übel riechenden Sorte, die Materialität des Bösen, die Hand, die aus dem Grab ragt. Nach einem Jahrzehnt, in dem weitgehend uneigentlich, ironisch, postmodernistisch gemetzelt wurde, in dem die Weltzerstörung auf der Leinwand immer etwas von einem Computerspiel hatte und jeder Auftritt eines Serienkillers selbstbezügliche Kinoexkurse auslöste, scheinen wir in eine Phase neuer Ernsthaftigkeit eingetreten. Es sind nicht nur zweitklassige Science-Fiction- und Horror-Produktionen, die den gothic look pflegen – auch Martin Scorsese und Peter Jackson verdunkeln den Horizont mit den exaltierten Schlachtgemälden der Gangs of New York und des Herrn der Ringe, während Steven Spielberg schon länger in der Endzeit weilt.

Wahrscheinlich begann diese Entwicklung bereits vor einigen Jahren, als die todernste Low-Budget-Produktion Blair Witch Project zum überwältigenden Erfolg gelangte – seither hat sich der Tonfall des Genres verändert. Major-Produktionen wie The Others oder der letzte Hannibal-Lecter-Film geben sich morbide und getragen, während das B-Picture, das ja immer ein wenig deutlicher sein durfte, sich grimmig zeigt wie lange nicht mehr. Interessanterweise stützen sich viele der neueren Produktionen auf Vorbilder aus den Jahrzehnten vor dem postmodernen "Erdrutsch", also aus einer Zeit, in der die populäre Kultur noch politisch, historisch, psychologisch argumentierte – und nicht bloß ausgelassene Spiele mit den Zeichen des Kinos veranstaltete. Unter den wiederbelebten Modellen finden sich die Schlachtergeschichten der ersten Generation, klassische Horrormotive wie das Spukhaus und das Geisterschiff. Schließlich gehören auch die ruppigeren Comics des Atomzeitalters mit ihren Mutanten zur Familie. Waren Superman und Batman ohne Cape und Maske durchaus in die bürgerliche Gesellschaft, ins real life integriert, so sind die X-Men, die im Kino soeben ihre zweite Runde antreten, konsequent als Freaks gekennzeichnet – jetzt sehr passend verstärkt durch den Nightcrawler, einen teufelsschwänzigen Helden, der zum Dies Irae aus Mozarts Requiem das Weiße Haus aufmischt.

So disparat die Menge der neuen Düsterfilme auf den ersten Blick scheint, gibt es doch Motive und Symptome, die sich in sprechender Weise häufen. Ähnlich wie die Horrorfilme der frühen siebziger Jahre, deren Zombies und Schlitzer die Kollateralschäden der Konsumgesellschaft vorstellten oder den Vietnamkrieg in Form von bluttriefenden Killerfratzen in die amerikanischen Vorgärten zerrten, reagiert auch das gegenwärtige Genrekino auf typische Verfallserscheinungen der Moderne – wieder geht es um Entfremdung und Vereinzelung, um Technisierung, Seuchen und den drohenden Biokollaps, gelegentlich auch um Klassen- und ethnische Konflikte. In The Ring streicht die Kamera über ein Apartmenthaus, das fatal an eine Legebatterie erinnert – nur dass hier in jedem Abteil ein Fernseher mit Großbildschirm flackert. Bei Danny Boyle verwandelt ein Tollwut-Virus Englands Bevölkerung innerhalb von 28 Tagen in eine Armee der Finsternis, in knurrende, wankende, blutspuckende "Infizierte", die UBahn-Schächte und Fast-Food-Restaurants bevölkern. "The end is extremely fucking nigh", "Das Ende ist verdammt nahe", hat hier jemand auf eine Mauer gesprüht. Tatsächlich findet sich in einzelnen Einstellungen solcher Filme mehr Verzweiflung und endzeitliche Vorahnung als in den gesammelten Katastrophen- und Alien-Invasions-Produktionen, die in den späten neunziger Jahren den Milleniumswechsel angekündigt hatten. Vor dem Hintergrund des smarten Zynismus und der Desaster-Verliebtheit des vergangenen Jahrzehnts markiert der Rekurs auf die gewalttätige Schmuddelkultur der Sechziger und Siebziger vielleicht eine neue Sehnsucht des Genrekinos nach Verbindlichkeit. Wobei die allerdings nicht mehr so einfach zu haben ist in einer unübersichtlicher gewordenen Welt, in der der Feind so amorphe Züge angenommen hat wie die Matrix oder der körperlose Schurke Sauron im Herrn der Ringe. Vielleicht ist es diese Unsicherheit, die den neuen "gruftigen" Filmen ihre seltsam archetypischen Arrangements, ihren Hang zu biblischem Furor und satanischer Boshaftigkeit eingibt.

Guerrilleros gegen die Matrix

Es liegt nahe, den 11. September in diesem Kontext als Markierung auch der Populärkultur zu begreifen, doch schon viel länger ist in den einschlägigen Produktionen von einem neuen, schmutzigen Krieg die Rede. Die Visionen der Kämpfe könnten von Breughel oder Bosch inspiriert sein; sie haben etwas auffallend Zeitloses und scheinen über die Genregrenzen hinweg miteinander zu kommunizieren. So antwortet auf die Masse wimmelnder Orks, die im ersten Herrn der Ringe die spitzbogigen Gewölbe einer unterirdischen Totenstadt wie wuchernde Pilze befallen, eine Sequenz in dem Kurzfilm Animatrix, in der sich Tausende von krakenhaften Maschinenwesen durch die schwarzen, organisch wirkenden Ruinen einer ehemaligen Mega-City winden. Auch die Eingangssequenz von Scorseses Gangs of New York, in der die irischen Einwanderer wie Troglodyten aus dem Untergrund aufsteigen, bewaffnet mit Äxten und Keulen, maskiert oder mit Lehm im Gesicht, passte mühelos in ein Fantasy-Epos.

Als hätte dieses Kino genug von der Uneigentlichkeit, der Ästhetisierung des Todes, unterfüttert es seine Geschichten mit einer betont sinnlichen Komponente – es ist nicht einfach nur düster, es führt uns durch Schlamm und Blut, über Schädel und massakrierte Körper, als ob wir uns auf einem mittelalterlichen Kreuzzug befänden.