Sie demonstrieren wieder, am ersten und auch an ein paar weiteren Tagen des Monats Mai - die Gewerkschaften und jene Deutsche, in denen noch ein kleiner Sozi steckt. Gegen die Reform-Agenda des deutschen Bundeskanzlers gehen sie auf die Straße. Und während sie das tun, werden die Reformer und Modernisierer in Deutschland wieder sagen: Da marschieren sie, die Besitzstandswahrer und Veränderungsmuffel, die Betonköpfe und Ewiggestrigen.

Die Sozis in den Deutschen.

Sie passen nicht zur Story, diese Demonstranten. Die lautet: Deutschland ist am Ende. Zu viele Arbeitslose, zu wenig Wachstum. Zu hohe Löhne, zu hohe Steuern, zu hohe Sozialabgaben. Zu viel Großzügigkeit. Der Sozialstaat, so die Story, ist das Problem, die Quelle des Ungemachs. Weniger davon, sagen die Modernisierer, und Deutschland geht es besser: weniger für die Kranken, damit sie gesünder bleiben, weniger für die Alten, damit sie länger arbeiten.

Weniger für die Arbeitslosen, damit sie einen Job annehmen. Wenn nötig, jeden Job.

Fakten, die der Story widersprechen, scheinen nicht zu stören. Zum Beispiel: Löhne und Arbeitskosten in Deutschland sind nicht die höchsten der Welt. In Japan und den USA, in Frankreich, Belgien und Schweden sind sie nach den Zahlen der Unternehmensberatung Mercer höher. Die Steuern sind ebenfalls nicht hoch - kein anderes EU-Land außer Spanien hat eine niedrigere Steuerquote. Und zählt man Steuern und Sozialabgaben zusammen: Da liegt die Bundesrepublik in Westeuropa an zehnter Stelle, sagt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft.

Fragen sind den Reformern ebenfalls hinderlich. Zum Beispiel: Warum sollen in den Arbeitsmarkt-Brachen im Osten Deutschlands neue Jobs entstehen, wenn die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes gekürzt wird? Wieso bringt ein gelockerter Kündigungsschutz der Bundesrepublik mehr Arbeitsplätze, wenn die meisten internationalen Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen infrage stellen? Warum soll ein 55 Jahre alter Prokurist, der arbeitslos wird, künftig mit 57 von Sozialhilfe leben müssen, und überhaupt: Warum müssen die Reformen überwiegend diejenigen bezahlen, die sowieso schon relativ wenig haben? Warum übernehmen nicht auch die Vermögenden oder die Kuponschneider einen Anteil - wenigstens einen kleinen, symbolischen?

Weil Symbole nichts bringen, sagen die Reformer. Weil wirkliche Veränderung nur dann möglich sei, wenn die Masse betroffen ist. Das ist gut gesagt und durchaus eigennützig. Was Deutschlands Chefmodernisierer meist verschweigen, ist, dass sie - die Wirtschaftsweisen, Politiker, Leitartikler, Manager oder Chefökonomen - von den Reformen am allerwenigsten betroffen sind.