Conrad Hilton hat einmal gesagt, dass ein Gast im Hotel das finden soll, wovon er zu Hause träumt. Nun muss man sich fragen, wovon ein potenzieller Gast wirklich träumt, wenn er so im Ohrensessel des eigenen Wohnzimmers sitzt und dabei aus dem Fenster blickt. Natürlich träumt er von Bediensteten, die ihm jeden Wunsch von den Lippen ablesen, er träumt von einem Pool und einer Sauna und einer guten Massage und nicht zuletzt von einem opulenten Frühstück, das ihm ein hübscher Kellner ins Zimmer, sozusagen bis ans Bett, bringt. All diese Annehmlichkeiten hat das Suitehotel in Hamburg nicht. Der Fitnessraum hat die Größe eines Schuhkartons, Personal gibt es kaum, das Frühstück ist geradezu puristisch, besteht aus Kaffee und Croissants (Blätterteighörnchen). Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist dieses Hotel so reizvoll.

Von außen betrachtet, gleicht das Drei-Sterne-Haus einem gläsernen Klotz, im Foyer hat es den Charme einer gehobenen Jugendherberge. Rote Lederfauteuils stehen dort, links die Automaten des Food-Centers mit Salaten und Sandwiches. Holzlamellen an den Fenstern schützen vor Blicken von außen. Die Empfangstheke geht ohne Schnitt in die Getränketheke über, wo an diesem Morgen ein Geschäftsmann in dunkelgrauem Anzug steht. Der Herr trägt am Kopf eine beeindruckende Sprechvorrichtung für sein Handy und gestikuliert wie an der Börse. Es sind vor allem Geschäftsleute, die dieses Haus wochentags zu schätzen wissen. Mit 79 Euro pro Nacht spricht der Preis für sich, die 30 Quadratmeter großen Suiten haben alles, was der Businessman braucht: einen großen Schreibtisch, der sich auf Fußrädern an den gewünschten Platz rollen lässt, Telefon mit Anrufbeantworter, Modem-Anschluss, Fernseher. Letzterer steht so günstig, dass man in der Wanne liegen und Anne Will oder Ulrich Wickert bei der Arbeit zusehen kann.

Reizvoll ist dieses Hotel aber auch für Hamburger, die in ihrer eigenen Stadt einmal untertauchen, sich der Sozialkontrolle der kleinen Alstergemeinde entziehen wollen. Der Gedanke an das Verruchte eines Stundenhotels drängt sich beim Einchecken auf. Erstens ist das zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich, und zweitens ist der Zimmerpreis sofort und nicht am Morgen danach zu zahlen. Es kann passieren, dass einem der freundliche Direktor Paolo Masaracchia noch einen lockeren Spruch mit auf den Weg in den Hotelhimmel gibt, etwa: "Falls das Bett fehlt, sagen Sie Bescheid." Anschließend steigt man in den Aufzug ein, steigt im 17. Stock aus und genießt die Anonymität. Niemand ruft an. Das Gefühl für Zeit und Raum gerät aus den Angeln. Der Blick aus dem Fenster ist famos, seltsam fremd wirkt die Stadt. Ein Paradies für Ehebrecher.

Das Suitehotel gehört zur Accor-Gruppe und ist das erste Hotel dieser Art in Deutschland. Weitere Häuser sind geplant, unter anderem in München und Berlin. Dahinter steht ein einfaches Prinzip: Qualität und modernes Interieur zu äußerst ansprechenden Preisen, Platz für bis zu vier Personen pro Suite sowie eine günstige Lage. Das Hamburger Haus ist eine U-Bahn-Station vom Hauptbahnhof entfernt. Jürgen Fliege war auch schon da. Man fragt sich, wovon der Pfarrer zu Hause so träumt.

Suitehotel Hamburg City, Lübeckertordamm 2, 20099 Hamburg, Tel. 040/4027140-0, Fax 040/4027140-140. Preise: 79 Euro pro Suite, Wochenende: drei Nächte (Fr–Mo) für insgesamt 139 Euro