Es gibt drei Sprachkünstler des vergangenen Jahrhunderts, die man in feinen Kreisen nicht mehr zitiert: Adorno, Rilke und Franz Kafka. Warum nicht? Weil sie angeblich "durch" seien, zu Tode gewürdigt. Die Wahrheit ist: Die Denkkraft dieser drei ist so eigentümlich und ansteckend, dass sie jeden Diskurs, in dem sie zur Sprache kommen, unterwerfen und anschließen an ihre überlegene Welt. In Kafkas Fall ist noch etwas Gravierenderes passiert: Die Wirklichkeit hat sich seiner Fantasie gebeugt und ist "kafkaesk" geworden. Muss man ihn, da er ohnehin in allem ist, noch lesen?

Wem die Pforten zu Kafkas Welt Schwellenangst einjagen (Der Proceß, Das Schloß, Amerika), dem seien die Seiteneinstiege empfohlen, die Erzählungen. Hier erwarten uns Kafkas beste Lotsen, Boten und Führer – seine Tiere. Kafka handelt, wie es heute die amerikanischen Militärs machen: Er vertraut auf winzige Helfer, wenn es um Aufklärung geht. Wo die Amerikaner ferngesteuerte, mit Kameras und Bomben bestückte Fliegen und intelligenten Staub erfinden, um feindliche Territorien zu erobern, da setzt Kafka zum selben Zweck Hunde (Forschungen eines Hundes), Erdtiere (Der Bau), Mäuse (Josefine, die Sängerin), ja sogar Flöhe (Vor dem Gesetz) in Bewegung. Er benutzt die Krallen und Schaufeln der Nagetiere, um ins Dunkle vorzugraben.

Der Erzähler Kafka hat zum abstrakten Denken wenig Neigung, er braucht Zugtiere, beseelte Sonden, denen er folgen kann. Indem er in andere Zustände, in die Tiere und manchmal sogar in die Dinge schlüpft und in ihnen, mit ihnen reist, erreicht er Orte, an denen noch keiner war. Man würde sich nicht wundern, wenn ein Forscher unter unbekannten Kafka-Texten die Erzählung eines Staubkorns fände. Kafka belebt die Dinge mit Angst und Witz. Er bezieht sie in sein Mitgefühl ein. Der Erzähler Kafka entspricht einem Sisyphus, der immer wieder entdeckt, dass sein Stein lebt.

Und er liebt die Kreaturen. Von Jean Paul stammt diese Notiz: "Wenn ich meinen Hund lang’ anschau mit seiner Nähe an die Menschenform: so denk’ ich mir ein Menschengesicht behaart und die Menschenhand; und diese Einsperrung und Einhüllung eines Geists thut mir weh." Gegen diese Einsperrung und Einhüllung von Geist schreibt Kafka. Er schließt auf, was er beschreibt, und am anrührendsten ist es, wenn es sich um Tiere handelt. Kafka ist aber das Gegenteil von Walt Disney: Er stellt die Tiere nicht dar als unsere flauschigen Begleiter, Anhängsel und Lehrlinge, sondern als stumme Zeugen und Beobachter, als ehemals an uns Gebundene, die sich nach langer Abwägung gegen uns entschieden haben. Amerikaner haben die Angewohnheit, ihre Schoßtiere "good girl" und "good boy" zu nennen; Kafkas Tiere sind nicht unsere Ersatzbabys, eher unsere Ahnen, unsere Weisen, unsere Seher und Vorfahren: aus Einsicht Zurückgebliebene, Umkehrende.

Es gibt bei Kafka auch Wesen, denen die Möglichkeit der Umkehr versagt blieb und die auf halbem Weg stehen bleiben mussten.

Da ist Rotpeter, der gelehrige Affe aus dem Bericht für eine Akademie, dem man die Einreise in unser Reich gestattet und dem man sozusagen einen Menschenpass ausgehändigt hat. Rotpeter ist ein melancholischer Künstler geworden, der Erfinder seiner Biografie; ein glückliches Wesen ist er nicht. Und da ist der namenlose Vierbeiner aus der Erzählung Eine Kreuzung, halb Katze, halb Lamm, Baby und Bestie, ein Ding, das sich im Grund genommen selbst zerreißen müsste. Dieses Wesen ist kurz vor dem Durchbruch zu uns abgefangen worden: Es kann schon sprechen, aber es findet nicht die Worte, die wir verstehen; es kann schon weinen, aber es kann uns nicht sagen, worüber. Es liebt seinen Feind so sehr, dass es den Feind in sich duldet, ihn enthält.

Kafkas gesammelte Erzählungen sind eine Arche unvergesslicher Kreaturen. Die auf ihr reisen, können zwar keine Argumente dafür liefern, dass die Schöpfung glücklich sei, als wunderbar und unendlich erweist sie sich aber auf alle Fälle. Und komisch ist sie obendrein. Kafkas letzte Erzählung, zum Beispiel, Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse , eine große Parabel auf die Geschichte des jüdischen Volks, ist auch zu lesen als Groteske über eine zum Gesang unfähige Mäusediva und deren Fangemeinde: Beide, Star und Masse, glauben, einander beschützen zu müssen vor der mäusefeindlichen Wahrheit. Nie wurde das Phänomen Daniel Küblböck gültiger gedeutet als bei Kafka, der lange vor Küblböcks Zeiten schrieb:

„Josefine behauptet sich, dieses Nichts an Stimme, dieses Nichts an Leistung behauptet sich und schafft sich den Weg zu uns, es tut wohl, daran zu denken. Einen wirklichen Gesangskünstler, wenn einmal einer sich unter uns finden sollte, würden wir in solcher Zeit gewiss nicht ertragen und die Unsinnigkeit einer solchen Vorführung einmütig abweisen. Möge Josefine beschützt werden vor der Erkenntnis, dass die Tatsache, dass wir ihr zuhören, ein Beweis gegen ihren Gesang ist.“