Der Allerbewandertste in der Lyrik der Welt? Friedhelm Kemp, gar keine Frage; groß auch als Übersetzer, jeder Leser Baudelaires etwa kennt seine Prosaübertragungen, wer auf Unbekannteres aus ist, seinen Saint-John Perse. 1914 geboren, fast 90 Jahre alt jetzt also, und seit 70 oder 80 Jahren sicher kaum ein Tag dabei ohne Gedichte – man würde sich nur schwer einen Eindruck machen können von dem, was da zusammenkommt in einem klugen Kopf, hätte nicht Kemp jetzt in diesem fast unerreichbaren Alter selbst in einem einzigen Punkt zusammengefasst, was er weiß: nämlich mit diesem großen Werk über das europäische Sonett. Ein Geschenk, kein Leser kann sich ein schöneres wünschen, ja, kaum ein Leser hätte sich ein solches Buch auch nur vorstellen können.

Wahrscheinlich gibt es Hunderttausende von Sonetten auf der Welt, gar nicht gerechnet die tausendmal so vielen, die es nicht geschafft haben über den Tag hinaus, den einen etwa, an dem die Liebste es las – denn von der Liebe handeln eben seit Petrarca und seiner Laura doch die allermeisten Sonette, das Lesen könnte zum Fürchten sein. Aber Kemp kennt natürlich alle solche Gefahren, und er meistert sie (auch durch eingestreute politische und satirische, parodistische Sonette) so schön, dass man bei ihm, im Gegenteil, gar nicht genug kriegen kann von diesen sonderbaren Gedichten.

Er beschränkt sich (beschränkt sich: was für ein Wort dafür!) auf die Literaturen, die er im Original lesen kann: Also deutsche, französische, englische, italienische und spanische Sonette treten auf, ungefähr 600 insgesamt, immer im Original und in Übersetzung, öfter in eigner, meistens aber in fremder, und schon da ist es verblüffend, was er alles ausfindig gemacht hat und wie er dann öfter einmal (bei Shakespeare etwa, bei Petrarca) vergleicht und urteilt und wie er Traditionen dabei verdeutlicht. Einer, der für ihn hier und überhaupt in der Kunst des Sonetts und überhaupt wohl, Maßstäbe gesetzt hat, ist Rudolf Borchardt – Borchardt, dieses so wunderbar verführerische Monument von Kennerschaft und Kunst. Und beiden ist es dann etwa zu verdanken, dass Kemp nun ein ganzes Kapitel, fast so lang wie das, das Rilke bei ihm hat, jener amerikanischen Lyrikerin Edna St. Vincent Millay widmet, an deren Gedichten Borchardt glaubte erfahren zu können, wer die Sappho damals wirklich war (damals, in den Zeiten, von denen wir doch leider nur wenig verstehn).

Man würde ein bisschen wahnsinnig werden rein bei 600 Sonetten von Dante bis Hagelstange, wären da nicht Kemps ganz lockere, gelöste und zwischen Plauderei und gründlicher Belehrung in einer unendlich gewinnenden Mitte sich haltenden Kommentare, höchst angenehme Redseligkeiten eines Mannes, der alles weiß und der, das ist fast noch das Schönste, und er weiß das auch, keine Theorie darüber hat, was ein Sonett zu sein hätte; es ist außerordentlich charmant zu sehn, wie er allen Theoretikern gegenüber eine beinahe abergläubische Hochachtung an den Tag legt, er weist auf sie hin, zitiert sie gelegentlich, und dann kommt er wieder, nach diesen schuldigen – und fast ganz unironischen – Ehrerbietungen, auf die Gedichte zurück, und wir atmen auf.

So viel gelesen zu haben und verstehen zu können, das ist sehr oft ebenso wohl Stärke als auch Schwäche. Wunderschön etwa, wie Kemp Gottfried August Bürger (als Nachfahren Petrarcas) oder Rückert oder Britting lesen und uns nahe bringen kann; aber er kann das auch mit Rudolf Alexander Schröder etwa, der in jungen Jahren einmal, 1904, ich habe das vor mir liegen, einen Prachtband (er hatte Geld) mit 363 eigenen Sonetten herausgebracht hat; Schröder war ein sehr bemerkenswerter Mann, er wäre eine große Biografie wert, die uns klüger machen würde, aber kreative Geister, wie Brecht etwa, wenn er, so blöd das ist, Rilke fad fand, würde man heute leicht verstehn, wenn sich vieles in ihnen gegen einen Mann wie Schröder sträubte. Und da ist es dann doch wieder gar keine Schwäche, sondern nur der weit gewordene Geist Kemps, der in erprobter Toleranz eben einen Mann wie Schröder ganz selbstverständlich und jetzt auch uns überzeugend mit hineinnimmt in dieses europäische Schatzhaus: deren eine Wunderkammer er, der große Cicerone, für uns hier geöffnet hat.