Der 15. April 2003, ein Morgen wie jeder andere im Todesstreifen. Der Touristenbus aus Südkoreas Hauptstadt Seoul wird zum Slalom zwischen Drahtverhauen und Brachland eingewinkt. Kontrolle am "Checkpoint Charly", dem Grenzposten zwischen Süd- und Nordkorea. Jeder muss unterschreiben, dass er auf dem Weg nach Panmunjom nicht mit nordkoreanischen Soldaten "fraternisiert oder Gesten macht, die der anderen Seite als Propagandamaterial dienen könnten".

Panmunjom war einmal das bekannteste Dorf der Welt. In seinen längst himmelblau gestrichenen Baracken beendeten Ost und West den Koreakrieg mit einem Waffenstillstand. Sie schlossen keinen Frieden. Sie ließen nur den Eisernen Vorhang herunter. Bis heute teilt er die koreanische Halbinsel und eine Million Familien entlang dem 38. Breitengrad. Das war 1953 – in jenem Jahr, als die Bauarbeiter der Berliner Stalinallee den DDR-Volksaufstand auslösten.

Stalin ist ein halbes Jahrhundert tot, die DDR auch schon länger als 13 Jahre. Nur Nordkorea bewahrt ihr Erbe. Ein Jurassic Park des Kommunismus. Vom Unification Observatory lässt sich für 40 Cent durchs Fernrohr auf die "Achse des Bösen" schauen. "Ich sehe ganz winzige Menschen", rapportiert ein dicker Mann aus Minnesota. Die Reiseführerin macht ihren Vers daraus: "Der Führer Kim Jong Il dort drüben ist so klein, dass er Plateauschuhe trägt und seine Haare hochtoupiert."

Der 15. April am Mittag. Ein Essen mit Donald Rumsfeld. Nicht direkt. Aber niemand, der von der Selbstbedienungstheke der niedrigen UN-Feldbaracke einen Platz ansteuert, kann dem US-Verteidigungsminister entgehen. Stühle und Tische sind gezielt auf die Videoleinwand mit CNN ausgerichtet. Rumsfeld redet befeuert vom Sturm auf Bagdad. Er droht Syrien. Er sonnt sich in der historisch beispiellosen Machtdemonstration von Prävention und Präzision. Amerika ist auf niemanden mehr angewiesen.

Nur eine Woche später sieht alles ganz anders aus.

Die Nacht vom 22. April. Im Pekinger Staatsgästehaus Diaoyutai, hinter Mauern und Gärten verborgen, sagt der nordkoreanische Unterhändler Li Gun seinem amerikanischen Gegenüber James Kelly unverblümt ins Gesicht: "Wir besitzen Atomwaffen. An Ihrem Land liegt es, ob wir sie auch testen und exportieren werden."

Wie groß und brauchbar sie auch sein mag, die Bombe Nordkoreas – der kleine, böse Dr. Seltsam aus dem Steinzeitstaat hat mit ihr die noch eben siegreiche Supermacht vorgeführt. Die Botschaft des Machthabers Kim Jong Il und seiner in Pjöngjang diktierenden Militärs lautet: Wir sind nicht der Irak. Bei uns brauchen eure Soldaten gar nicht erst vergeblich nach Massenvernichtungsmitteln zu suchen. Wir haben sie. Wir geben sie gerne weiter gegen gutes Geld. So wie wir es mit unseren Raketen und Drogen schon lange tun. Wir mögen ein Hungerland sein, aber wir werden einen nuklearen Supermarkt eröffnen – wenn ihr Amerikaner uns nicht anerkennt, unsere politische Existenz garantiert und die Türen zu den internationalen Finanzinstitutionen öffnen helft.