Am Ende einer Reihe langer Nächte, in denen die Redaktion des Kleinen Fernsehspiels im ZDF an die 40 Jahre seiner Geschichte erinnert, stehen Die Unzufriedenen. Mit diesem Stück hatte das Zweite Programm seine neben den heute- Nachrichten langlebigste Programmreihe am 4. April 1963 begonnen. Eine Posse, inszeniert nach einem selten gespielten Theatertext von Prosper Mérimée, die ein Misstrauen gegen jede Form politischer Opposition offenbart. Eine Verschwörung verzettelt sich in Eitel- und Unbedeutsamkeiten und scheitert an sich selbst.

Das war die Situation im Frühjahr 1830, als Mérimée in seinem Stück die Lethargie der Restaurationsgesellschaft eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des napoleonischen Imperiums beschrieben hatte. Und das war vielleicht auch die wiederaufbaugesättigte Situation 14 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, die den Dramaturgen und nachmaligen Redaktionsleiter des Kleinen Fernsehspiels Eckart Stein nach einer Dramolettvorlage greifen ließ, die ihr Autor zu Lebzeiten nie hatte wieder gespielt wissen wollen.

Der Erstling des ZDF war ein Kammerspiel, ganz in der Tradition so zahlreicher schon das Fernsehen der fünfziger Jahre beherrschender Theaterverfilmungen: Auf ein überschaubares Personal und ein einziges von Kostüm, Wandschmuck und Mobiliar überladenes Interieur ausgerichtet, entsprach das klaustrophobe Dekor dem begrenzten Raumpotenzial, das damals dem schmalen Budget sowie der grauweißen Fläche des Bildschirms zugemutet wurde. Insofern schien hier noch das Beharrensvermögen der Gesellschaft, gegen das Mérimées Farce zu Felde gezogen war, auf seine Form durchzuschlagen.

Die eigentliche Brisanz des Kleinen Fernsehspiels im ZDF lag weniger in seinen Verfahren als vielmehr in seinem Format: Mit der knappen Länge von maximal 24 Minuten und 30 Sekunden – einer Übernahme des amerikanischen Halbstundenschemas mit seinen fünf Werbeminuten und dem obligaten Programmhinweis – beerbte die Sendereihe den zunehmend aus dem Kino verdrängten Kurzfilm und auch dessen Genrefreiheit. Mit seiner Platzierung im Vorabendprogramm, im Umfeld von Nachrichten und Ratgebersendungen, wurde ihm eine aus heutiger Sicht unvorstellbare Publikumsbreite zuteil: Die Unzufriedenen sahen damals um Viertel vor sieben bundesweit immerhin 15 Prozent der Fernsehzuschauer, 45 Prozent waren es 1966 für Mord von Wolfdietrich Schnurre und drei Jahre später immer noch 29 Prozent für Andrzej Wajdas Organitäten nach einem Buch von Stanislaw Lem.

Quoten konnten demnach kein Argument gewesen sein, sich 1973 von der kleinen Form am frühen Abend zu verabschieden. Seitdem läuft die Sendereihe zunächst im Spätabend-, dann im Nachtprogramm. Ein "Freiraum" sei gewonnen, hatte es von Intendantenseite geheißen. Der wurde fortwährend erweitert – bis zur Hinterfragung des elektronischen Bildes, als Michael Klier 1982 in Der Riese eine Sendung ausschließlich aus den Bildern von Überwachungskameras montierte. In den letzten zehn Jahren produzierte das Kleine Fernsehspiel vor allem die jüngeren deutschen Autorenfilmer (Tykwer, Roehler, Petzold, aber auch Keil und Kruska). Die Regisseure wurden zum Jubiläum befragt, was sie ihm für die Zukunft wünschten. Langes Leben, viele Talente, höheres Budget, lauteten da die stereotypen Antworten. Nur Antonia Lerch reagierte auf den Zug zur Ghettoisierung: "dass es weiter vorne ins Programm kommt".

Das ZDF sendet „Die Unzufriedenen“ in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai um 4.05 Uhr