Na endlich! Fast ein Jahr lang tagt der EU-Konvent nun, und das nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Doch plötzlich ist alles anders: Da balgten sich am vergangenen Donnerstag die Kameramänner um die besten Bilder des Präsidiums, auf der Tribüne wisperten die Zuschauer, und die Journalisten dürsteten nach Spannung, Streit und Emotionen. Auf einmal hat der Konvent Schlagzeilenqualität, und das verdankt er allein seinem Präsidenten: Valéry Giscard d’Estaing. Denn der hat kurzerhand seine ganz persönlichen Vorstellungen über die Machtverteilung im künftigen Europa den Medien verraten und damit eine Kettenreaktion ausgelöst.

Dank bekam der französische Expräsident in den Plenarsitzungen allerdings kaum zu hören, im Gegenteil. "Feudalismus" warf ihm der österreichische Grüne Johannes Voggenhuber mit wütenden Worten vor, andere tuschelten Ähnliches. Zu hart stößt der kalkulierte Mediencoup die Delegierten vor den Kopf, zu klar sollen in Giscards Europa der Rat und damit tendenziell die Regierungen der großen Staaten die Macht übernehmen. So erntete der Franzose heftigen Protest für Form und Inhalt, und zwar in umkehrt proportionaler Form: Je kleiner das Land, desto lauter der Widerspruch.

An der Kaffeebar des EU-Parlamentes klangen die Reden dann allerdings anders, da gaben viele Delegierte leise zu: Der Paukenschlag hat uns aufgeweckt. Denn kaum war der Vorschlag in der Welt, einigte sich zumindest das Konvents-Präsidium mit Giscard auf einen gemeinsamen Entwurf über die Institutionen der EU. Dieser enthält die Grundelemente, die Europa wieder regierbar machen könnten: Ein Präsident des Rates soll die rotierende Präsidentschaft ersetzen, die Kommission soll verkleinert und damit effektiver werden, ein Außenminister soll die EU insgesamt vertreten.

Das alles gehört noch austariert, und die Ängste der kleinen Länder müssen besänftigt werden, denn sonst könnte der Konvent an seiner Uneinigkeit scheitern. Eines ist jedoch schon jetzt sicher: Jene sechs Wochen, die Giscard noch bleiben, bevor er den Regierungen das Ergebnis präsentieren muss, sind entscheidend für Europas zukünftige Handlungsfähigkeit.

Für alle, die die letzte Sitzung verpasst haben, gibt es übrigens einen Trost: Das ganz große Theater fand doch noch nicht statt. Im Saal hielten sich die meisten Delegierten brav an die Tagesordnung, und die sah erst mal eine Debatte über Austrittsklauseln aus der EU vor – auch das ist nicht unwichtig. Der Vorhang für den Streit um die Verteilung der Macht im Europa der Zukunft öffnet sich erst am 15. und 16. Mai. Im Europäischen Parlament. Eintritt frei.