Die Definition der schönen Dinge, mit denen sich der Mensch gern umgibt, erlebt zunehmend eine Sprachverwirrung. Ist es nun Kunstgewerbe, Kunsthandwerk, angewandte Kunst oder Design? Auf dem Kunsthistorikertag in Leipzig wurde Mitte März noch die ganz neue und ziemlich unsinnige Wortschöpfung "gestaltschaffendes Design" geboren. Nicht nur die Begriffe verschwimmen zusehends, auch die Kenntnisse über Silber, Glas, Möbel, Tapisserien, Porzellan, Fayencen oder Steinzeug, ihre Herkunft und Produktionsweise geraten mehr und mehr in Vergessenheit.

Das mangelnde Wissen und entsprechend nachlassende Interesse hat mehrere Ursachen. An kaum einem der rund 50 kunsthistorischen Lehrstühle der deutschen Universitäten wird das Fach "Kunstgewerbe" noch gelehrt. "Es ist sozusagen tabu", sagt Rüdiger Joppien vom Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, "weil der Begriff Kunstgewerbe vielen geradezu abgewrackt erscheint."

Bei ihren Seminaren erlebt die regelmäßig zur European Fine Art Fair in Maastricht eingeladene Händlerin zu ihrem Erschrecken, „dass hoch qualifizierte Akademiker vielfach nicht wissen, ob Barock als Stilepoche auf Biedermeier folgt oder umgekehrt“. Ab Herbst kann man bei ihr gegen solche Wissenslücken wieder Seminare belegen (EMail: Angelawallwitz@t-online.de ).

Im Kölner Auktionshaus Van Ham versucht man das eingeschlafene Bedürfnis nach den ästhetischen und kunstvollen Erzeugnissen und ihren soziologisch und entwicklungsgeschichtlich hoch spannenden Hintergründen über eine Kooperation mit der Arnoldschen Verlagsanstalt in Stuttgart zu wecken. „Da die Kenntnisse vonseiten der Universitäten und der meisten Museen wissenschaftlich kaum noch vermittelt werden, versuchen wir es über die emotionale Schiene“, sagt Markus Eisenbeis, „mit Vorträgen, Ausstellungen, der Vorstellung von Publikationen außerhalb des Auktionsbetriebs.“ Die opulente Ausgabe Historische Bestecke – Formenwandel von der Steinzeit bis heute machte Anfang April den Auftakt.

Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist eines der wenigen deutschen Häuser, das Studierenden bei so genannten Praxissemestern noch die Sammlungen öffnet und die Restaurierungswerkstätten zugänglich macht. Entsprechend groß ist der Zulauf. Wie gefragt die Vermittlung von Information ist, bestätigen auch die mittwochs um die Mittagszeit angebotenen und gut besuchten Führungen zu so verschiedenen Themen wie Italienisches Design der 50er bis 90er Jahre, Feine antike Damen aus Ton oder Pariser Schmuckkunst um 1945.

Wenn in den nächsten Tagen in den Auktionshäusern Schloss Ahlden (9. und 10. Mai, www.schloss-ahlden.de ) und dem Kunsthaus Lempertz Köln (16. Mai, www.lempertz.com ) an die 3000 kunstgewerbliche Objekte aufgerufen werden, sind sie zum großen Teil über die Jahrzehnte hinaus dem Kontext ihrer Entstehung und Benutzung isoliert. Daran ist der Handel nicht unschuldig. Bei Ahlden wird ein siebenteiliger „bedeutender“ Jugendstil-Tafelaufsatz, um 1907 in der Königlichen Porzellanmanufaktur für die Berliner Kunstausstellung gefertigt, nicht komplett, sondern in Einzelteilen versteigert (6000 bis 12000 Euro). Damit wird dem weiß-goldenen Ensemble mit zwei über einen Meter hohen Blumen-Jardinieren der Geist gestohlen, aus dem heraus es entstanden ist. Ein Stück Tafelkultur geht verloren.

"Solche Ensembles lassen sich auf vielen Ebenen lesen", sagt Rüdiger Joppien, "wenn man die Anspielungen und Gebräuche kennt." Zur Ein- und Wertschätzung von Objekten des klassischen Kunstgewerbes gehört auch die Kenntnis ihrer Entstehung. "Manchmal haben beispielsweise bis zu hundert Spitzenhandwerker in der Meissener Porzellanmanufaktur an einem Werk gearbeitet, bis es perfekt war", sagt die Expertin Ingrid Wiltraut vom Kunsthaus Lempertz. Beispiele dieser frühen Luxusindustrie bietet das Kölner Auktionshaus diesmal an. Zum Beispiel eine 30 Zentimeter hohe schneeweiß modellierte Heilige Rosalia in einer Felsenhöhle, bekränzt von kleinen Engeln nach einem Modell von Johann Joachim Kaendler von 1774 für Meissen (25000 Euro).