Nachkriegszeit im Zeichen von Hammer und Sichel, 1959

Foto: Leonard Freed/Ullstein

Es war einmal eine Zeit, als die Frauen ausgeblichene Socken mit dünnen grün-roten Ringen auf grauem Stoff trugen. Es war die Zeit, als man sich die Wangen mit eigenem Blut schminkte, um das Grau des Krieges daraus zu vertreiben. Es war die Zeit, in der man Behörden im grauen Kostüm aufsuchte und in der Deutschland im Großen und Ganzen jeden Anstand verloren hatte, weshalb es im Kleinen und Nebensächlichen ein umso größeres Ansehen genoss.

Die Zeit ist lange vorbei, und die, die damals die ausgeblichenen Socken trugen, schleichen am Stock. Die materielle Hinterlassenschaft dieser ersten Nachkriegsgeneration ist enorm, ihre geistige ist nahezu unsichtbar. Literarisch ist dieser Generation viel notwendiges Unrecht widerfahren. Als Helden einer kleindeutschen Gemütlichkeit verklärt, als Täter und Mitläufer verabschiedet, lag ihr literarisches Schicksal bisher ganz in den Händen ihrer Töchter und Söhne. Titel wie Suchbild , Abschied von einem Mörder , Die Reise , Wunschloses Unglück erinnern an die Rechnungen, die den Kriegsheimkehrern in Buchform aufgemacht wurden. Sie waren schonungslos, weil Politik und Gesellschaft keine Vergangenheit mehr kennen wollten und die Last des Gewesenen allein auf dem schwachen Rücken der Bücher zu ruhen schien.

Vorbei die Zeit der Abrechnung

Inzwischen ist die Vergangenheit so gründlich vergangen, dass sie niemandem mehr eine Last ist. Im Gegenteil. Manchem ist sie so leicht, dass er sie wie einen Kinderball in die Hand nimmt und damit herumspielt, wie es ihm gerade gefällt. Die wunderbare Leichtigkeit einer komplett synthetischen, literaturgezeugten osteuropäischen Vergangenheit, mit welcher der junge amerikanische Autor Safran Jonathan Foer seine deutschen Leser gerade bezaubert, beweist, dass die Geschichte den Enkeln und Urenkeln keinerlei Widerstände mehr entgegensetzt. Die Zeit der Abrechnung ist vorbei. Und mit ihr die Zeit des Einzelmenschentums. In Scharen begeben sich deutsche Autoren in diesem Frühjahr zurück in den Schoß des Generationenromans und auf die Spuren ihrer Großeltern. Noch nie in den letzten Jahrzehnten hat es so viele Familiengeschichten gegeben wie jetzt. Und noch nie – Arno Schmidt möge bitte kurz mal weghören – ist die deutsche Nachkriegszeit so überzeugend geschildert worden wie in dem Roman Die Unvollendeten von Reinhard Jirgl.

Das hat viele Gründe. Der augen- und ohrenfälligste ist der dunkle und lebensbittere Sound, der den Herzton dieser Prosa ausmacht. Der wichtigste ist der historische Abstand, aus dem der Enkel vollbringt, was dem Sohn noch missglückte: ein reiches, ein hintergründiges, ein ambivalentes Tafelbild der jüngsten deutschen Geschichte.

Auf der linken Tafel sieht man die Schwestern Hanna und Maria und ihre alte Mutter Johanna und acht Kilo Gepäck. Der Ort ist Sudetendeutschland, die Handlung – lange vor dem Aufruhr um die Novelle Im Krebsgang von Günter Grass konzipiert – heißt Vertreibung, die Mitwirkenden sind Hunger, Güterwaggons, Besatzungsbehörden, Bahnhöfe, Wartehallen, Zwangseinweisung, der „lange Winter Sechsundvierzig-Siebenundvierzig“, Schneewehen, Bitten um Gefälligkeiten bei „wild-Fremdenmenschen“ und die sture Hoffnung auf Rückkehr. Das Altarbild in der Mitte füllt ein kleiner Ort in der Altmark, Birkenau, zwei Zimmer über der Güterabfertigung, die Jirgl-Lesern schon gut bekannt sind. Dies ist die neue Heimat, Wirkstätte des sudetendeutschen Matriarchats, bestehend aus Urgroßmutter, Großmutter, Großtante und Tochter. Urbild des Himmels und der Hölle für den kommenden Erzähler, Enkel und Urenkel, der auf der rechten Tafel und ein halbes Jahrhundert später ins Bild kommt.

Reinhard Jirgl, Jahrgang 1953, ist vielleicht der einzige literarische Dissident, den die DDR je hatte. Zumindest ist er der einzige DDR-Autor, der widerständig genug war, weder im Osten noch im Westen gedruckt zu werden. Sein großes DDR-Epos Die Genealogie des Tötens, in den achtziger Jahren entstanden, wurde erst vor wenigen Monaten veröffentlicht (ZEIT Nr. 47/02). Seine ungewöhnliche Rechtschreibung, seine Liebe zu Trümmerlandschaften und Zivilisationswüsten, seine deutsche Heimathassliebe und tausend andere Ungemütlichkeiten machen ihn bis heute zu einem Sonderling. Zu einem Autor, an dem die Psychologisierung und Verbürgerlichung des literarischen Materials genauso vorbeigegangen ist wie an den anderen Großen in seiner Ahnenreihe, an Knut Hamsun, an Arno Schmidt, an Hans Henny Jahnn und Heiner Müller.

Mit dem neuen Buch begibt Jirgl sich so weit in menschliches Gelände und Gerede wie noch nie. Sein Porträt der ersten Nachkriegsjahre riecht nach nassen dunklen Morgen in der Scheune, bettet sein Haupt auf mit Reichsmark ausgestopfte Kopfkissen, geht in steifen Kleidern aus umgenähter Fallschirmseide, tappt durch die Finsternis nächtlicher Stromsperren, verhockt seine Tage in Amtsstuben und ist bis in die letzte Satzwindung angefüllt mit allen sinnlichen Gewissheiten und Ungewissheiten dieser versunkenen Zeit. Immer wieder fallen dem weltverachtenden Erzähler Volkes Stimmen ins Wort, zetern aus der redseligen Enge ihrer Amts- und Bauernschädel heraus. Jirgl orthografiert diese Redeströme so, wie sie den Sprechern aus dem Mund fallen: „Und hockt da auf der Bank im Flur, vor meiner Tür. Und wartet. Stolz & stur. Tagein=tagaus. Das-Schicksal im grauen Kostüm. Ihr xmal gesagt: Nur zun !Dienstzeiten Liebefrau. Steht doch großmächtig draußen an der Tür. Kann Sie sonzt ganich drannehmen. Könntich ehmsogut gegen die-Wand-da reden. Zum !Auswaxen mit diesen Flüchtlingen.“