Natürlich ist auf dem Film nichts zu sehen. Dass eine Kamera, in diesem Fall eine No. 1A Pocket Kodak, fast sechs Jahrzehnte unbeschadet übersteht, ist erstaunlich genug. Aber dass der Film, der sich in der Kamera befindet, noch entwickelbare Bilder hergibt, kann man beim besten Willen nicht erwarten. Statt Bildern: Schwärze.

Anfang der neunziger Jahre war der Apparat aus heiterem Himmel zu seinem ursprünglichen Besitzer Gustav Wackwitz zurückgekehrt. Als Wackwitz 17 Jahre alt war, hatte er ihn auf hoher See einem britischen Marineoffizier aushändigen müssen, nachdem das Schiff, mit dem Gustav, sein Vater Andreas Wackwitz und seine Familie Afrika verließen, von der Royal Navy aufgegriffen worden war. Für den 17-jährigen Gustav begann die Kriegsgefangenschaft, für seinen Fotoapparat eine Odyssee durch viele Länder, Hände und Aufbewahrungsorte. Bis der Apparat eines Tages, zugesandt von der Berliner "Dienststelle für Benachrichtigung der Angehörigen ehemaliger Soldaten der Wehrmacht", mit der Post ins Haus kommt. Gustav Wackwitz und sein Sohn, der Schriftsteller Stephan Wackwitz, Jahrgang 1952, malen sich aus, was auf dem Film in der Kamera zu sehen sein könnte – Windhuk, das Schiff, die Familie. Natürlich hoffen sie, dass sich in der Dunkelkammer ein Wunder ereignet, das ihnen die Aufnahmen von damals wie Geistererscheinungen der Vergangenheit zurückbringt.

Zum Wunder kommt es nicht. Aber zu einem Buch mit dem Titel Ein unsichtbares Land, in dem der antiquierte Apparat mit dem Schwarzfilm eine gewichtige Rolle als Doppelmetapher einnimmt. Zum einen verkörpert er natürlich die Lücken, die ans Licht zu bringen sich der herausragende Prosaessay von Stephan Wackwitz zum Anliegen macht. Zum anderen aber kann man den Apparat und seinen Zustand, seine technische Verstaubtheit und seine erstaunliche Überlebensfähigkeit auch als Gleichnis für den Zustand des Genres auffassen, das dem Unsichtbaren Land zugrunde liegt: das klassische Genre des Familienromans. Unverwüstlich kehrt es seit der Bibel und Homer immer wieder zur Literatur zurück, beschert ihr von Tolstoj und Thomas Mann bis zu Jonathan Franzen und Péter Esterházy Glücksphasen und Überraschungsmomente – obwohl doch seine Gebrauchsfähigkeit immer wieder in Zweifel steht.

Dem Genre haftet etwas Braves an

Das Genre Familienroman ist so ästhetisch dehnbar, ubiquitär und populär – sein Hauptprinzip, das Erzählen entlang einer Generationenfolge, die Auslegung des familiären Mikrokosmos als Fallbeispiel historischer Zeitgeschichte, ist durchweg jedem vertraut, auch dem, der beim Namen Bellheim auf Anhieb weiß, wer gemeint ist, beim Namen Buddenbrook nur, dass er ihn schon mal gehört hat – wie tendenziell verbraucht.

Schon dem Begriff Familienroman haftet etwas leicht Braves, Geschichtströstliches, der Geschmack gemütlicher Fernsehabende, kurzum etwas Anachronistisches an. Denn erstens hat die Gegenwart eher Single- als Sippengeschichten auf Lager. Zweitens teilt sie nicht das Zutrauen in die Ordnung, den logischen, linearen Ablauf der Dinge, die der Generationendramaturgie des Genres innewohnt. Das heißt nicht, dass das alte Modell nicht zu gebrauchen wäre. Man muss indes, wie Stephan Wackwitz es tut, einen neuen Film einlegen.

Der Unterschied zwischen dem nacherzählenden und dem erforschenden Familienroman ist ein Unterschied der Haltung. Der Nacherzähler breitet seine Geschichte als Produkt seiner Kenntnis aus. Der Erforscher erzählt von seinem Kenntniserwerb, von dem, was er alles nicht weiß und was ihm womöglich entgangen ist. Das klingt als poetologische Definition banal. Aber es kann entscheidend sein, wenn sich aus dem Unterschied der Haltung ein so krasser der literarischen Form, des Entwurfs, der ganzen Textur ergibt wie bei den Familienromanen Das unsichtbare Land von Stephan Wackwitz und Der Schnee der Jahre von Simon Werle. Beide Autoren gehören der mittleren Schriftstellergeneration an. Beider Bücher umfassen einen bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Zeitraum, berichten folglich über historisch nicht Erlebtes. Beide stellen dem Abstammungstopos den Provinztopos zur Seite.

Das erzählerische Zentrum, das "unsichtbare Land" in Wackwitz’ Buch, ist die Gegend um die alte galizische Hauptstadt Auschwitz. Zehn Kilometer von Auschwitz entfernt betreute der Großvater Andreas Wackwitz von 1921 bis zur Auswanderung nach Afrika 1933 eine Pfarrstelle in dem Ort Anhalt. Auf fast unheimliche Weise zieht dieser Ort, den der Enkel Stephan Wackwitz Ende der neunziger Jahre zum ersten Mal bereist, die Fäden kollektiver und individueller Geschichte zusammen. Und jeder Faden entrollt sich von einer Frage. Zum Beispiel: Wie verlief die Vor- und Besiedelungsgeschichte Galiziens? Oder: Wie kam es zu der Feindseligkeit zwischen Enkel und Großvater, der zu Lebzeiten nicht öfter als zwanzigmal das Wort an den Nachfahren richtete, mal herrisch, mal moralisch oder mit lapidaren Sätzen wie "Ist das Bad frei?". Wie hängt die Störung der Familienerinnerung mit deren Bindung an einen Schauplatz zusammen, der zur Chiffre des Holocaust wurde? Lässt sich aus dem Mangel an genealogischem Zugehörigkeitsgefühl der Wirklichkeitsverlust ableiten, den der Erzähler in seiner Fanatismusphase als 68er am eigenen Leib erfuhr? Ist es Zufall, dass der Großvater, der in seiner späteren Laufbahn als Pfarrer ausgerechnet einen gewissen Rudi Dutschke unter den Fittichen hatte, regelmäßig im Bildhintergrund deutscher Geschichtsszenen herumgeistert, die mit besonderer Bedeutung aufgeladen sind?