Romane Erforschen oder NacherzählenSeite 2/2
Simon Werles Roman Der Schnee der Jahre spielt in einem Dorf im Hunsrück. Er erzählt die Geschichte der Familie Callzig über vier Generationen hinweg, verdichtet auf die dreißiger, vierziger, fünfziger Jahre und auf das Leben des Sohnes Edward Callzig. Dies Leben wird vom Zweiten Weltkrieg, von Edwards Teilnahme als russischer Frontsoldat, zerbrochen. Der junge Mann, der im Heimatdorf eine Schreinerlehre begonnen, sie in der Großstadt Köln fortgesetzt und dort erste künstlerische Ambitionen entwickelt hatte, kehrt aus dem Krieg versehrt zurück. Ihm fehlt kein Arm, kein Bein, kein Auge, aber ein Splitter in seinem Kopf verwüstet seine Persönlichkeit, schränkt Edward Callzig bis zur Arbeits- und Alltagsunfähigkeit ein. Wie es aussieht, leidet der Roman selbst an einer Wesensentstellung. Er erweckt den Eindruck einer Kopie. Werle bedient sich eines gewollten, besser gesagt, geschwollenen Kunstdeutschs, das Serien schiefer, ja, komischer Sätze hervorbringt wie diesen: „Wofern nicht eine besondere Form von Tod den hier bestatteten Körper um die Hälfte geschrumpft hat, ist dieses das Grab eines Kindes“ – oder auch kryptische Stellen wie diese: „Auch der Dom findet, in der sorgsam abgezeichneten Postkarte zur Abbildung der Abbildung heruntergestuft, in hartnäckigem Bleistiftgestrichel seine Bewältigung und seine Endlichkeit.“ Bei solchen Sätzen und Stellen handelt es sich nicht nur um unlektorierte Patzer. Sie sind das Symptom einer generellen Schieflage. Passagenweise klingt Der Schnee der Jahre wie die etwas ungelenke Übersetzung aus einer Fremdsprache. Was der Roman in gewisser Weise auch ist. Seine Soziologie stammt aus dem 20. Jahrhundert. Wie sich bei Stephan Wackwitz aus der Forscherhaltung essayistische Selbstständigkeit, formale Freiheit und Beweglichkeit ergeben, so ergibt sich bei Simon Werle aus der Haltung des Nacherzählens die verdrehte Ästhetik der Nachahmung. Werle bewegt sich auf einem Seitenweg der Postmoderne, Stephan Wackwitz schlägt den Weg der klassischen Moderne ein, auf den Spuren ihrer großen, von Walter Benjamin bis W. G. Sebald reichenden Archiv- und Gedächtniskunst.
Obwohl sich Das unsichtbare Land von Wackwitz im Untertitel Familienroman nennt (was man auch freudianisch interpretieren kann), ist das Buch dem so bezeichneten Genre äußerlich eher fremd: keine Chronologie, keinerlei epische Vollständigkeit der Schauplätze, Geschehnisse, des Personals, die Frauen der Familie Wackwitz beispielsweise sind Randfiguren. Stattdessen assoziative Sprunghaftigkeit, Überlagerung historischer Zeitebenen, Exkurse in verschiedenste Richtungen, Montage verschiedenen Materials. Über viele Seiten hinweg arbeitet Stephan Wackwitz, typografisch abgesetzt, die Tagebücher seines Großvaters ein, auch der Vater kommt mit eigenen Notizen zu Wort. Dem Kerngedanken des Familienromans aber, der Unentrinnbarkeit von Abstammung und Verwandtschaft, kommt Wackwitz mit seinem Versuch, die biografischen Porträts dreier Männer, Großvater, Vater, Enkel, zu verspiegeln, ungeheuer nahe.
Mit jedem Kapitel, jeder Gedankenkurve, jedem Entwicklungsschub des Textes wird der Abstand zwischen den Generationen kleiner. Das Unterschiedliche tritt zurück, die Ähnlichkeit unbewusster Lebenspolitik und politischer Reflexe in den Vordergrund. Woher kommt denn die Auswanderungslust des Enkels Stephan, der in London, Neu-Delhi, Tokyo lebte, seit 1999 das Krakauer Goethe-Institut leitet, wenn nicht vom Großvater Andreas Wackwitz und dessen Afrika-Ära? Wie weit ist es denn vom deutschnationalen Protestantismus des altvorderen Pfarrers zum linken moralischen Überlegenheitswahn, den der Enkel an sich selbst diagnostiziert?
Nähe soll sein, nicht Abrechnung
Gut denkbar, dass aus Stephan Wackwitz’ Prosaessay in einer glatteren Form, einer linearen autobiografischen Erzählung beispielsweise, ein weiteres Stück jener Abrechnungsprosa geworden wäre, die die Söhne und Töchter der Kriegsgenerationseltern in Fülle hervorbrachten. Die Voraussetzungen wären da gewesen. Denn eigentlich hatte Stephan Wackwitz, bevor er das Buch begann, bevor er von der alten Fotokamera und dem kaputten Film darin erfuhr und bevor er seine Reise in das alte Galizien unternahm, sein Urteil über den Großvater gefällt und sein Interesse an der borstigen Person auf die emotionale Niedrigstufe persönlicher Abneigung und politischer Verachtung eingestellt. Und auch im Verhältnis zum Vater stand es nicht zum Besten. Das unsichtbare Land aber ist das Gegenteil einer Abrechnung. Es ist, wenn es den Begriff gäbe, Annäherungsprosa aus dem Geist des Familienromans. Und es ist eine späte, indirekte Gegenrede zu Guntram Vespers Reise. Diese führt, so zornig wie selbstgerecht und dünkelhaft, weg von den Vorfahren. Stephan Wackwitz ist auf der Suche nach ihnen.
Stephan Wackwitz: Ein unsichtbares Land Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2003; 286 S., 19,90 ¤Ein unsichtbares LandRomanStephan WackwitzBuchS. Fischer Verlag2003Frankfurt a. M.19,90286Simon Werle: Der Schnee der Jahre Roman; Nagel & Kimche, Zürich 2003; 442 S., 24,90 ¤Der Schnee der JahreBelletristikRomanSimon WerleBuchNagel & Kimche2003Zürich24,90442- Datum 30.04.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 30.04.2003 Nr.19
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



