Es überschlugen sich wieder einmal die Meldungen: Der alternde Opernstar Luciano Pavarotti habe heimlich geheiratet, hieß es vergangene Woche. Dann das Dementi: Pavarotti "fühle" sich lediglich verheiratet. Da lief schon die nächste Ehemeldung über den Ticker, Schlagzeile: "Steffi Grafs Mutter will nicht heiraten". Wer das alles genau verfolgt, "fühlt" sich möglicherweise informiert. Es wird Mai, und der Ethikrat denkt ans Heiraten.

Diesmal sind wir alle dran. Es ist hohe Zeit, uns einmal selbst ins Gebet zu nehmen, die wir so gern wissen wollen, ob oder ob nicht, wer und mit wem. Hat Pavarotti heimlich geheiratet? Hat sich Cameron Diaz wieder getrennt? Wird Steffi Grafs Mutter gar nicht erst heiraten? Solche Geschichten sind das schillernde Gold im Strom der Ereignisse, das eifrig von den Nachrichtenagenturen geschürft wird. – Welch ein Nugget, wenn der alternde Pavarotti, nach der blutjungen Nicoletta befragt, der Frau im Spiegel zuraunt: "Wir sind doch längst verheiratet, hat das denn keiner gewusst?" Und wie schön, wenn seine Sprecherin Renata Meroni sofort dementiert, dass er geheiratet habe. "Das war ein sprachliches Missverständnis" – und geheimnisvoll hinzufügt: "Dennoch versteht er sich als verheiratet." Frau im Spiegel kontert entrüstet, das Gespräch sei auf Tonband festgehalten worden, von einem sprachlichen Missverständnis könne keine Rede sein. Das berauscht uns: Millionen schlürfen gierig die unbegreifliche Neuigkeit dieser heimlich nicht geschlossenen Ehe.

Überraschen kann diese Neugier freilich nicht. Seit Äonen hat die Evolution ausschließlich jene belohnt, denen Balz und Paarung, Turtelei und Reproduktion nicht egal waren. Hinschauen! Chancen nutzen! heißen die Gebote der Gene. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Evolutionärer Erfolg hängt auch davon ab, sich möglichst vielversprechend zu paaren. Nach ein paar Millionen Jahren ist uns dieser Blick fürs Wesentliche in Fleisch und Blut übergegangen. Wir sind offensichtlich chromosomal eheklatschsüchtig. Aber wir wären keine Menschen, wenn das schon die ganze Wahrheit wäre. Wir sind nicht die bloße Endmoräne eines evolutionären Gen-Gletschers, sondern haben zugleich die Freiheit, uns selbst in die Hand zu nehmen. Wir entscheiden, wann es genetisch kribbelt; wir handeln, auch wenn Jahrmillionen unter unserer Haut drücken und drängen.

Freiheit ist bekanntlich unbequem und fordert Entscheidungen. Darum also: Was tun mit unserer Eheklatschsucht? Alles nicht so schlimm, heißt es da auf den ersten Blick, denn sie ist doch erfreulich. Für Pavarotti, dem sicher auch langsam die Luft ausgeht, ist es schön, seine Heimlichkeit zu Markte tragen zu können. Die Leser haben vergnügliche Momente harmlosen Zeitungsblätterns. Unschuldige Freuden, die den Appetit anregen. Und all das hält diverse Paparazzi und die Frau im Spiegel am Leben, denen wir das auch gönnen wollen. Der Mittelstand hat’s schwer genug!

Und doch lohnt sich ein zweiter Blick. Ethik ist mehr als nur eine freundliche Absegnung des Unbedenklichen, sie muss auch streng ermahnen. Zum Beispiel wenn die Welt knirscht, kracht und zu kochen beginnt, kurz, aus allen ökologischen und humanitären Fugen gerät, während wir auf der Couch sitzen und in Journalen blättern, um das eine oder andere Gen glücklich zu stimmen. Dass wir dabei Zeit vergeuden, ist das eine. Zum anderen stimmt es bedenklich, wenn es uns nicht gelingt, jene Instinkte adäquat zu lenken. Längst haben sich manche Antriebe von ihrem ursprünglichen Sinn und Zweck gelöst und treiben ihr Spiel mit uns. Hand aufs Herz: Wer wollte sich schon mit dem übergewichtigen Pavarotti paaren? Und wie groß sind die Chancen des durchschnittlichen Gala- Lesers, Cameron Diaz zu beglücken? Es ist höchste Zeit, dass wir uns daranmachen, unser chromosomales Getriebensein nicht mehr auf der Couch zu zelebrieren, sondern sinnvoll zu lenken. Entweder indem wir die Energie nutzen, um uns für Wichtigeres einzusetzen – oder indem wir heiraten. Es ist schließlich Mai.

CHRISTIAN ILLIES