Mörder sind besser dran als Ladendiebe oder Beamtenbeleidiger. Der Mörder wird vor Gericht als ganzer Mensch wahrgenommen, als Individuum mit Schicksal und Vergangenheit. Man lässt sich Zeit mit ihm, fragt nach seiner Kindheit, erkundigt sich einfühlsam nach Lebensumständen und seelischem Befinden. Der Mörder ist als Mensch ein Gegenstand von Interesse, er bedeutet etwas, weil seine Tat von Bedeutung ist.

Vor dem Amtsgericht, wo die kleinen Vergehen geahndet werden, zählt allein das Delikt, der Beschuldigte ist in der Regel nicht von Belang. Man erfragt seine Personalien und wie viel Euro ihm monatlich zur Verfügung stehen. Keiner hier will wissen, wie der Angeklagte denkt und welch traumatisches Erlebnis sein Handeln beeinflusst haben könnte. Es gibt einfach zu viele Schwarzfahrer, Schläger, Schwindler und randalierende Säufer, als dass man jeden Einzelnen in seinem ganzen menschlichen Reichtum erfassen könnte.

So einer wie Leo Wallwitz ist kein klassischer Gesetzesbrecher, die Delikte kommen zu ihm wie ungebetene Gäste. Wallwitz, ein schmächtiger Mensch von 37 Jahren, ganz in Schwarz, mit weißen Turnschuhen und unruhigen Augen, sieht aus, als hätte aus ihm mal ein Künstler werden wollen, ein Archäologe oder Universitätsassistent. Wallwitz aber ist nichts von alldem, er ist nur eins: Alkoholiker. Im Rausch mögen ihm seine Möglichkeiten wieder nahe kommen, seine Vorhaben, Pläne, Ideale. All die Ideen von sich selber, die sich beim Nüchternwerden verkrümeln und ihn allein lassen in seinem Nichts. Seit 20 Jahren trinkt er, 20 Entgiftungen hat er hinter sich, der Alkohol machte ihn krank.

An jenem Tag im U-Bahnhof Kaulsdorf Nord war er sturzbetrunken und fühlte sich zum Beschützer eines vietnamesischen Zigarettenhändlers berufen. Als drei Polizisten in Zivil kamen und den Händler durchsuchen wollten, umschlang der dünne deutsche Mann den noch dünneren Vietnamesen, er drückte ihn mit Kraft und Überzeugung an sich. Was macht ihr mit meinem Kumpel, ihr Pisser, ihr Arschlöcher, ich lasse meinen Freund nicht verhaften!, schrie er durch die Bahnhofshalle, sodass Passanten aufmerksam wurden und sich ein Auflauf bildete. Der Vietnamese sagte später aus, dass er Herrn Wallwitz nicht gekannt hat. Der Angeklagte soll die drei Beamten nicht nur beleidigt, er soll ihnen auch Schmerzen zugefügt haben, indem er gegen ihre Oberkörper stieß. Ist er gegen Sie gefallen, weil er betrunken war, oder hat er willentlich gegen Ihren Oberkörper gestoßen, fragt die Richterin einen der drei Zeugen, in Ihrem Protokoll klingt das, als hätte einer vom anderen abgeschrieben. Ich kann nur sagen, was ich wahrgenommen habe, antwortet der junge Polizist kleinlaut.

Als die Richterin sich zur Urteilsfindung in ihre Kemenate zurückzieht, ist durch die geöffnete Tür und das dahinter liegende Fenster für einen Augenblick der grazile Stacheldraht zu sehen, der die Haftanstalt Moabit einzäunt. Wallwitz wartet, er bindet wieder und wieder die Schnürsenkel seiner Turnschuhe. Das Urteil fällt streng aus, er stand noch unter Bewährung, als er erneut straffällig wurde: Versuchte Gefangenenbefreiung, Beleidigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt. Macht fünf Monate Freiheitsstrafe.

Leo Wallwitz wird noch kleiner, noch dünner, noch blasser. Er muss nun wirklich ins Gefängnis, zum ersten Mal. Für ein kurzes Heldenspiel im U-Bahnhof Kauldorf Nord. Einmal wollte er mehr sein als nichts.