Die deutsche Universität verriegelt und verrammelt wie eine Pleitefirma – eine Horrorvision? Nein, denn im Herbst will die Berliner Humboldt-Universität zum ersten Mal in ihrer knapp 200-jährigen Geschichte keine neuen Studenten mehr aufnehmen. Auch ausscheidende Professoren sollen nicht ersetzt werden. 200 bis 600 Millionen Euro müssen die drei Berliner Universitäten einsparen.

Das ist kein Einzelfall. In Berlin aber kann man derzeit am besten beobachten, wie einer Universitätslandschaft, die gerade dabei war, sich von früheren Kahlschlägen zu erholen, Wasser und Licht geraubt werden. Die Universitäten der Hauptstadt stehen stellvertretend für die chronische Unterfinanzierung und Überlastung der deutschen Hochschulen, für die Mutlosigkeit der Politik, für das Desinteresse, ja die Missachtung, mit der dieses Land seine Universitäten behandelt. Fünf Wissenschaftssenatoren hat die Hauptstadt seit 1995 zerschlissen, denen von Amtszeit zu Amtszeit nichts anderes eingefallen ist, als die Gelder zu kürzen.

Nun hatten die Universitäten noch niemals allzu viele Freunde in diesem Land. Deutschland ist heute keine wissenschaftsfreundliche Nation. Zwar gehört die "Wissensgesellschaft" wie ein Textbaustein mittlerweile in jede Rede über die Zukunft der Republik. Doch anders als in den USA, in Großbritannien oder Frankreich spricht hier niemand mit Stolz oder gar Ehrfurcht von seinen besten Bildungsinstitutionen. Wenn in den Schulen der Unterricht ausfällt, erregt das die Öffentlichkeit und zwingt Politiker zum Handeln. Die Schließung eines Hochschulinstituts treibt niemanden auf die Barrikaden.

Unzeitgemäßer Zynismus

Worauf soll man auch stolz sein? Auf lange Studienzeiten oder hohe Abbrecherquoten? Auf junge Mediziner, die im Studium nicht lernen, wie man mit einem Patienten spricht, oder Juristen, die zum privaten Repetitor gehen müssen, um ihr Examen zu bestehen? Auf Hochschullehrer, die nicht einmal wöchentlich eine Sprechstunde anbieten und denen die Erfindung des Anrufbeantworters unbekannt geblieben ist? Einen Großteil des Respektverlustes haben die wissenschaftlichen Institutionen selbst zu verantworten. Auch ohne zusätzliches Geld hätten viele Probleme zumindest gelindert werden können, hätten es die Professoren nur gewollt.

Wer den deutschen Reformstau studieren will, begebe sich am besten in eine Universität, hätte man lange Zeit höhnen können. Heute ist dieser Zynismus nicht mehr zeitgemäß. Denn die Hochschulen sind aus ihrer bleiernen Starre erwacht. Weitgehend unbemerkt haben sich einzelne Politiker, Rektoren und Professoren darangemacht, der deutschen Wissenschaft ein modernes Gesicht zu geben. Sie nutzen das neue Recht, ihre Studenten selbst auszusuchen. Sie lassen Seminare und Vorlesungen bewerten und bezahlen ihre Hochschullehrer verstärkt nach Leistung. Gleichzeitig entlassen veränderte Hochschulgesetze die Universitäten aus der Vormundschaft des Staates. Erste Erfolge zeichnen sich ab: Die Studienzeiten beginnen zu sinken, ausländische Studenten interessieren sich wieder für Deutschland. Und auch der Juniorprofessor – gestern noch als Sklave im neuen Gewand verpönt – erfreut sich heute großer Beliebtheit.

Koalition der Reformgegner

Allerdings sind all diese Neuerungen längst nicht akademisches Allgemeingut. Sie beschränken sich auf einzelne Universitäten oder Fachbereiche. Oft sind es nur Modellversuche und Experimentierklauseln, welche die erstarrten Strukturen aufbrechen. Die große Koalition der Reformgegner existiert noch: Professoren, welche die Freiheit der Wissenschaft verwechseln mit der lebenslangen Garantie, niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen; Politiker, die meinen, alles müsse sich ändern, nur dürfe es keinen Cent kosten. Studenten, die mit der Ressource Bildung so unbekümmert umgehen, als wäre sie Salz im Meer.