Erst als die Verantwortungslosigkeit gemeingefährlich, als sie im Wortsinn grenzenlos wurde, hat Chinas Führung gehandelt. Sie griff ein, weil die Lungenkrankheit SARS nicht mehr allein das Leben der Bürger bedrohte, sondern die Regierung in Bedrängnis brachte. Fünf Monate lang hatten die Gesundheitsbehörden im Milliarden-Staat die neue Seuche verschwiegen, vertuscht und verharmlost – aus bürokratischer Trägheit und politischer Feigheit. Dann, am Ostersonntag, trat die Regierung plötzlich die Flucht nach vorn an, legte Zahlen vor, die zehnmal so hoch waren wie die bis dahin zugegebenen, feuerte den Pekinger Bürgermeister und den Gesundheitsminister. Da hatte das Virus schon Menschen auf vier Kontinenten infiziert, hatte Chinas KP ihr Vertrauen restlos verspielt, daheim wie im Ausland.

Wird SARS, wie der Economist formuliert, zu "Chinas Tschernobyl"? Die Sowjetunion des Jahres 1986 und das China von heute sind in vielem nicht vergleichbar. Michail Gorbatschow, der ein Jahr vor dem Reaktorunfall die Macht übernommen hatte, regierte ein bankrottes, dem Zerfall entgegentaumelndes Reich. Hu Jintao dagegen, Chinas neu gekürter Parteichef, lenkt das Wirtschaftswunderland unserer Tage. Seit Beginn der Reformen 1979 wuchs Chinas Bruttosozialprodukt um durchschnittlich 8 Prozent, im ersten Quartal dieses Jahres gar um 9,9 Prozent; kein anderes Land lockte im vergangenen Jahr mehr ausländische Direktinvestitionen an: 53 Milliarden Dollar.

Parallelen lassen sich dennoch zeichnen. Verschweigen, vertuschen, verharmlosen – so reagierten auch die sowjetischen Behörden auf die Reaktorkatastrophe in der Ukraine. Bis Gorbatschow begriff, welche Chance der Super-GAU für seine Reformpolitik bedeutete. Gab es eine bessere Begründung für Glasnost?

Wie damals Tschernobyl, so könnte heute SARS zum Katalysator des politischen Wandels werden. In China blüht zwar die Marktwirtschaft, das politische System aber bleibt gegen die Gesetze des Wettbewerbs hermetisch abgeschirmt – von öffentlichem Meinungsstreit keine Spur. Das Monopol der Macht liegt weiter bei der Kommunistischen Partei. Widerspruchsgeist und Entscheidungsfreude können so nicht gedeihen. Welcher Funktionär aus der Provinz wollte den Kadern in Peking schon die feierliche Eröffnung des Nationalen Volkskongresses mit der Nachricht verderben, fern im Süden stürben die Menschen zu Dutzenden an einer rätselhaften Krankheit?

Mit rechthaberischem Blick auf das Scheitern Gorbatschows und das ruhmlose Ende der Sowjetunion hält sich in China bis heute die Illusion, man könne Wirtschaft und Gesellschaft modernisieren, ohne die Politik zu reformieren; man könne Hunderttausende zum Studium in den Westen schicken und ihnen daheim den Internet-Zugang sperren.

Es gibt aber letztendlich keine Entwicklung ohne Demokratie. Wachsender Reichtum führt irgendwann zu Renitenz; so war es in Portugal und Spanien, in Südkorea und Taiwan. Kein Land hat von der Globalisierung so sehr profitiert wie China. Die Volksrepublik ist zur Werkbank der Weltwirtschaft geworden. Deren formalen Regeln hat sie sich mit dem Beitritt zur WTO unterworfen. Deren Geist ist ihr aber fremd geblieben. Wer so mit der Welt verwoben ist, der übernimmt auch Verantwortung über Doppelbesteuerungsverbot und Copyright-Schutz hinaus. Der kann nicht leichtfertig die Welt mit einem Virus verseuchen, der muss – will er der Strafe des Marktes entgehen – vor solcher Gefahr sofort warnen und sie entschlossen bekämpfen. Wenn das nur dadurch möglich ist, dass zunächst der Kampf gegen Ignoranz und Untertanengeist daheim aufgenommen werden muss, umso besser.

Jede andere Politik ist ohnehin zum Scheitern verurteilt. Berichtet die Parteipresse nicht über SARS, werden eben Artikel ausländischer Blätter übersetzt und per E-Mail und SMS im Land verbreitet. Offenheit statt Desinformation: Nur so kann Chinas KP Vertrauen zurückgewinnen. Vielleicht ergreift die Führung diese Chance. Seit Deng Xiaoping den Chinesen zurief: "Bereichert euch!", birst das Land vor Energie. Was ihm fehlt, damit es auf Dauer gedeiht, ist Mut gegen die Mandarine in Peking.

Die Freiheit ist nicht weniger ansteckend als das SARS-Virus. Ihr täglicher Gebrauch stärkt das Immunsystem gegen Repression und gegen autoritäre Versuchung. Die Chinesen haben genau registriert, wie die Regierung handeln musste, weil sich die Wahrheit nicht länger unterdrücken ließ. Vielleicht lässt es sich nach SARS etwas leichter atmen. Nicht nur in China.