Am liebsten baut er Häuser ohne Zusammenhalt. Sie fallen, klappen, streben auseinander, sie kennen keine Symmetrie, meiden die Mitte, auch wenn sie selbst gern der Mittelpunkt sind. Für ihre Abgrenzung verlangen sie Anerkennung, sie wollen ganz anders sein und doch dazugehören, genau wie ihr Architekt Daniel Libeskind, der stets darauf bedacht ist, in seiner Unverständlichkeit verstanden zu werden. Er kann gar nicht anders, er muss Zeichen setzen und Blicke fangen, egal ob er in Berlin das Jüdische Museum errichtet oder in New York einige Hochhäuser für Ground Zero. Selbst auf Mallorca, an einer engen, windungsreichen Küstenstraße, drängt es ihn zur machtvollen Geste, zu einem Monument des Eigensinns.

Gewiss, das Atelier- und Galeriehaus, das er hier gebaut hat, ist nur ein Nebenwerk, geplant für die weithin unbekannte Künstlerin Barbara Weil. Vor vier Jahren hatte sie sich bei Libeskind gemeldet, mit dem Geld ihres wohlhabenden Mannes wollte sie sich ihren Traum erfüllen: ein eigenes Museum, um endlich einmal all ihre Skulpturen und Bilder ausstellen zu können. Bei anderen berühmten Architekten wäre sie mit diesem Wunsch vermutlich abgeblitzt, zu klein die Bausumme, zu aufwändig die Planung. Libeskind hingegen, der nur wenig zu tun hatte, gefiel der Auftrag. Ihm erschien selbst dies schmale Grundstück, einst Tennisplatz der Künstlerin, noch groß genug, um seinem Raumwillen, seiner Freude an Durchdringung und Durchkreuzung freien Lauf zu lassen. Das Nebenwerk sollte Hauptwerk werden.

Wer heute in das Städtchen Puerto Andratx kommt, wer die Uferstraße emporfährt, vorbei an hohen Mauern und Hecken, an wild hingepuzzelten Vordächern und Erkern, dem blitzt plötzlich ein Stück Großstadt entgegen, ein weißer Gebäudeleib, fremd und schwungvoll, lose verwandt mit der Guggenheim-Spindel in New York. Bis zur Straße drängt sich dieser Fremdkörper vor, unübersehbar will er sein, er verlangt Verwunderung. Und wirklich, wir staunen: über diese Insel auf der Insel, über schräge Wände, steile Schlitzfenster, über eine Bauskulptur, die mal gereckt, mal bullig, mal rasant wirkt. Und doch eigentlich ganz anders aussehen sollte.

Ursprünglich hatte sich Libeskind einen eher urtümlichen Block gewünscht, ein Haus, das nicht auf dem Berg geplant, sondern im Berg gefunden werden sollte, herausgemeißelt und ausgehöhlt von einem Bildhauer – so zeigt es zumindest ein frühes Modell. Heute ist, bei aller Wucht, von dieser Erdennähe nichts mehr zu spüren; es dominiert das menschlich Unvollkommene: wurmstichig der Beton, unsauber gegossen die Kontur. Drei Jahre haben Mallorcas Bauarbeiter für das kleine Haus gebraucht und konnten ihm doch nicht jene lapidare Glätte, jene spielerische Perfektion verleihen, die Libeskind sich erhofft hatte.

Für den ersten Anreiz aber reicht es, die Neugier ist geweckt. Man möchte hinein, möchte verstehen, was dort drinnen für ein Kunstgeist lebt. In einigen Wochen schon will die 70-jährige Barbara Weil mit ihren Werken einziehen und die Ausstellung vorbereiten, die dann im September eröffnen soll. So lange wird sie auch brauchen, um dem Eigenleben dieser Architektur einige Nischen und Winkel für ihre Skulpturen und Bilder abzutrotzen. Wirklich gebraucht werden diese nicht, das Haus ist sich selbst Kunst genug, eine grandiose Raumkomposition, so komplex und vielgliedrig, dass sie sich auf ein Foto gar nicht bannen lässt.

Libeskind ist das Erstaunliche gelungen: In der Enge hat er eine ungeahnte Weite entstehen lassen, man kann sich in diesem Gebäude verirren, obwohl man sich ständig selbst über den Weg läuft. Es ist ein Haus, das uns treibt und zieht, uns zum Perspektivwechsel bewegt, schon weil die Böden ein wenig schräg sind. Nichts scheint hier fest gefügt, alles drängt zur Veränderung, zur Bewegung, und diese wird selbst zu einer Art Ausstellungsstück. Wir sehen Treppen hinter mächtigen Scheiben, wie in einer Vitrine, und durch Fensterschlitze das Auf und Ab der anderen Besucher. Wir sehen mit jedem Schritt, wie sich das Gebäude, wie sich unser Blick verändert. Aus Architektur- wird Selbsterkundung.

In diesem Haus mit all seinen Schluchten, Kerben und Stutzen kann man sich fremd fühlen – und zugleich als Entdecker, gelockt von dem geheimnisvollen Licht der Räume. Vor allem im oberen Geschoss erwarten den Besucher viele Überraschungen, er muss ins Beengte, muss sich bücken, um in den hintersten Winkel zu gelangen. Gleich darauf wird ihm eine große Offenheit bereitet, ein Fenster, nein, ein in sich verkanteter Guckkasten, der ihn in den Himmel hinauszuziehen scheint, in ein tiefes Bild in Blau und Weiß.

Gegen so viel Verblüffung wird Barbara Weil mit ihren Skulpturen kaum ankommen können. Sie werden auf den schrägen Böden kippeln, auf den gekrümmten Wänden wackeln, und sich allenfalls ausnehmen wie die zaghaften Vorläufer des Libeskindschen Raumpuzzles. In vielem ähneln sich die Künstlerin und der Architekt, beide falten, schneiden, knicken ihre Formen, beide haben sie einen Hang für das Verschlungene. Und wenn Weils Entwurf für die Riesenskulptur The Critical Change eines Tages tatsächlich realisiert würde, dann könnte man sie glatt mit den Zackenwesen aus dem Hause Libeskind verwechseln. Ihre luftig versponnenen Papierkringel aber, ihre leuchtenden Lackgemälde, ihre an Matisse und Miró erinnernden Bilderzungen, sie werden in dem neuen Galeriehaus wie ungebetene Gäste wirken.