Hans Ulrich Endres, der Anwalt des Entführers Magnus G., dem der Frankfurter Bankierssohn Jakob von Metzler zum Opfer fiel, hat einmal vor Journalisten gesagt, er fühle sich bei den Geständnissen seines Mandanten wie der Zuschauer eines schlechten Films, der dem Hauptdarsteller zurufen will: "Tu es nicht!", obwohl er weiß, dass es dafür längst zu spät ist. Und in der Tat sind wohl wenige Kriminalfälle der letzten Zeit auch von der Öffentlichkeit mit so viel Beklemmung verfolgt worden wie die Geschichte des Jurastudenten, der sich in eine Welt reicher Freunde emporschwindelte und, als das Geld knapp wurde, ein Kind aus den Kreisen ebendieser Freunde entführte, um mit dem Lösegeld seine Lebenslüge aufrechtzuerhalten. Bei anderer Gelegenheit hat Endres das Vernehmungsprotokoll auch als Vorlage für einen Roman bezeichnet, der den Titel Magnus und der Markenwahn tragen könnte.

Sein poetischer Instinkt hat den Anwalt nicht getrogen. Der Roman muss allerdings nicht mehr geschrieben werden. Mindestens zwei berühmte Bücher gibt es schon, die von der mörderischen Verführung eines jungen Mannes durch elegante Kleider und elegante Kreise erzählen. Beide wurden verfilmt, und beide sind entstanden, lange bevor unsere Diskussion um Konsumwahn, Statussymbole und Terror der Modemarken einsetzte. Es handelt sich um Patricia Highsmiths Der talentierte Mr. Ripley (1955) und um Theodore Dreisers Eine amerikanische Tragödie (1925). Die zwei Romane, Klassiker der amerikanischen Literatur, lassen sich mühelos auf dieselbe Formel bringen, die das Handelsblatt für das Verbrechen des Magnus G. gefunden hat: "Der Ausbruchsversuch aus dem Kleinbürgermilieu endete mit Mord."

Zwar ist der Mord jeweils ein anderer, und keine Erklärung, keine Motivforschung nehmen der Tat ihre Verwerflichkeit. Tom Ripley tötet den reichen Freund, um dessen Identität zu übernehmen; Theodore Dreisers Held tötet die schwangere Freundin aus seinem Milieu, um eine Verbindung in den neuen Kreisen einzugehen; Magnus G. hat den kleinen Jakob mutmaßlich getötet, weil er dessen Zeugenschaft fürchtete. In allen drei Fällen aber geht es um Geld für eine Existenz jenseits des armseligen Herkunftsmilieus.

Auch die Seelenlagen ähneln sich frappant. "Das einzig markante Merkmal, das sich durch Kindheit und Adoleszenz zieht: zu wenig Taschengeld… Immer hat er weniger bekommen als andere, konnte sich weder Markenkleidung noch viele Kinobesuche leisten" (Frankfurter Allgemeine Zeitung über Magnus G.). "In Erinnerung sah er sich wie eine andere Person, eine magere, schniefende, ewig erkältete Jammergestalt, die es dennoch fertiggebracht hatte, eine Medaille für Höflichkeit, guten Service und Zuverlässigkeit zu gewinnen" (Patricia Highsmith über Tom Ripley). "Sehr oft war die eine oder die andere junge Schöne von einem Herrn im Frack, steifem Hemd, Zylinder, weißer Krawatte, weißen Glacéhandschuhen und Lackschuhen begleitet, und es erschien Clyde als höchste Seligkeit und Vornehmheit, so gekleidet zu sein. Wer einen solchen Anzug so leicht und natürlich zu tragen verstünde, wer so sicher und kühl mit einem Mädchen sprechen könnte wie manche dieser Kavaliere!" (Theodore Dreiser über Clyde Griffiths).

Damit sind die Motive beisammen, die den weiteren Lebensweg von Magnus, Tom und Clyde bis zum Verbrechen begleiten werden: die Erinnerung an das Gefühl demütigender Bescheidung, eine niemals belohnte Pflichterfüllung; dann die rasende Sehnsucht nach schönen Kleidern, nach einer Coolness des Auftretens, die nur elegante Garderobe zu verbürgen scheint; schließlich der Wunsch nach Erfolg bei den Frauen, aber natürlich nicht bei den lieben Mädels der Nachbarschaft, sondern den sozial überlegenen der Oberschicht. "Bläßlich, unattraktiv und feige, so einer sei er in der Schule gewesen. Freundinnen? Die Mädchen, die ihn interessierten, die coolen, attraktiven, beliebten, lauten, selbstbewußten, waren unerreichbar" (Frankfurter Allgemeine).

Die fatale Konsequenz früher Demütigung

Alle Hoffnung geht auf die Kleidung; vielleicht weil sie das Einzige ist, was sich auf einen Schlag wechseln lässt. "Die Mütze änderte das alles. Sie verlieh ihm etwas Ländliches, Greenwich, Connectitut, Vornehmheit. Jetzt war er ein junger Mann mit Privatvermögen, vielleicht frisch aus Princeton" (Patricia Highsmith). In den beiden Romanen, aus den fünfziger Jahren der eine, aus den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts der andere, scheint schon die ganze Mode- und Statusgläubigkeit auf, die bei dem Fall Magnus G. so viel zeitkritisches Entsetzen auslöste und manche von dem ersten Mord der New Economy sprechen ließ. "Er war der Ansicht, dass kein hübsches Mädchen ihn je ansehen würde, wenn er nicht dasselbe Maß an gesellschaftlicher Ausrüstung besaß… Und dies alles kam ihm als blitzartige Erkenntnis, nachdem er jahrelang mit seinen Eltern zu öffentlichen Andachten gegangen war, in der Kirche gesessen und farblosen, sonderbaren Wesen, niederdrückenden und enttäuschenden Menschen zugehört hatte" (Theodore Dreiser).

Auch die Erinnerung an frühe Religiosität und niemals belohnte Tugendhaftigkeit ist ein gemeinsamer Zug. "Als Messdiener scheitert Magnus, weil ihm schlecht wird, wenn er die Augen der Gottesdienstbesucher auf sich gerichtet fühlt" (stern). Der Blick der Gesellschaft wird von Anfang an offenbar als ein Spiegel gesehen, in dem von der eigenen Person nichts als ihre Armseligkeit sichtbar wird. "Er hatte sein Gesicht stets für besonders langweilig gehalten, ein durch und durch unbemerkenswertes Gesicht mit einem gefügigen Ausdruck, den er nicht verstehen konnte, und obendrein einem Ausdruck leiser Furcht, den er nie hatte verwischen können" (Patricia Highsmith).