Es gibt eine Karikatur des Dirigenten Josef Krips, die zeigt ihn als Ei: ein großes dickes weißes Ei, das von verschiedenen Seiten angestupst wird und immer wieder in die Vertikale findet. Was der Zeichner der Welt damit sagen wollte, außer dass Krips in der Tat einen mächtigen Leibesumfang besaß?

Vielleicht dass dieser Künstler sich durch nichts so schnell aus der Façon bringen ließ - oder dass er, ein Strahlemax mit Froschgesicht und früher Glatze, selbst über eine gehörige Portion Humor verfügt haben muss. Krips war Wiener Jude, und das Wienerische ist in keiner Weise bei ihm wegzudenken.

Ob es nun Walzer von Johann Strauß sind, Mozarts Requiem oder seine legendäre Don Giovanni-Einspielung von 1955 (in Anlehnung an die Produktion, mit der er 1946 die Salzburger Festspiele wiedereröffnete) - Krips überzeugt nicht nur durch kapellmeisterliche Sorgfalt, sondern vor allem durch eine gewisse Gemütlichkeit, ein Entstehenlassen und Zuhörenkönnen, das selbstredend mit der von Mahler gegeißelten "Schlamperei" nicht das Geringste zu tun hat.

Krips ist Musiker, kein Ideologe, in den fünfziger und sechziger Jahren markierte er mit seinem Gespür für Phrasierung und schlanken Ton eine ästhetische Position, die sich die Musikwelt heute - nach den Extremen des Karajanismus wie der historischen Aufführungspraxis - erst wieder erarbeiten muss. Dabei mag Krips nicht so brillant gewesen sein wie ein Erich Kleiber oder so feurig und klangsensibel wie ein Fritz Busch - auch scheute sich der Weingartner-Schüler davor, eigene Befindlichkeiten in den Vordergrund zu rücken. Insofern mag seinen aus den Decca-Archiven frisch hervorgekramten Haydn- oder Mozart-Aufnahmen (darunter die Pariser und die Jupiter-Symphonie, insgesamt fünf CDs, 473 121-2) für heutige Ohren doch ein wenig das Spektakuläre, sprühend Subjektive fehlen. Die hohen Ellenbogen und kleinen Bewegungen, die für Krips' Schlagtechnik symptomatisch waren, rühren ganz bewusst nicht an die Klassizität dieser Werke.

Das Kühne, Verwegene, Weltübergriffige, würde Krips vielleicht sagen, muss nicht gemacht werden: Es ist immer schon da. Hört man aber, mit welcher Hitze sich das London Symphony Orchestra (dessen Chef Krips 1950 bis 1954 war) im Kopfsatz von Brahms Vierter in die Verwicklung der Themen förmlich hineinbohrt oder mit welch überschwänglicher Emphase die Musiker in Mendelssohns Italienischer Sinfonie das Licht des Südens leuchten lassen, dann schaut einen plötzlich ein ganz anderer Josef Krips an. Aber wahrscheinlich ist es eben doch nur ein Klischee, dass alle Froschgesichter durch nichts aus der Façon zu bringen sind.