Bagram

Am 17. September 2001, sechs Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon, deklamierte Präsident George W. Bush: „Das alte Plakat hängt wieder aus. Wanted, dead or alive.“ Eineinhalb Jahre später verkündete ein pakistanischer Geheimdienstmann: „Er war uns Monate voraus, dann Wochen. Jetzt sind es nur noch Stunden.“

Doch Osama bin Laden ist nicht zu fassen. Trotz des Einsatzes von 10000 amerikanischen und 2000 alliierten Soldaten, trotz Flugüberwachung rund um die Uhr, trotz eines hoch technisierten Spionage- und Abhörapparates sowie gnadenloser Verhöre von Mitwissern und Mitverschwörern in einer furchteinflößenden Inquisitionsanstalt auf dem Luftwaffenstützpunkt Bagram, dem Basislager der Terroristenhäscher.

Es ist acht Uhr morgens am Haupteingang des Militärlagers 50 Kilometer nördlich der afghanischen Hauptstadt Kabul. Einheimische Arbeiter schlurfen zwischen hohen Stacheldrahtzäunen zum Tor eins. Sie werden in Käfige aus scharfen Drahtrollen eingesperrt, bis sie vor zwei amerikanischen Militärpolizisten zur Leibesvisite antreten. Der eine Soldat macht sich einen Spaß daraus, die Mützen der Einheimischen zu lupfen und ihnen mit dem Zeigefinger auf den Schädel zu klopfen. Der andere lacht sich halb tot über einen kleinwüchsigen Afghanen, der ihm kaum bis an die Brust reicht. Ruft ihm hinterher: "Schaut euch den an! Ist der nicht drollig?"

Wachsoldaten eskortieren die afghanischen Arbeiter zum Gräbenausheben und Befestigen unasphaltierter Straßen in das Innere der ehemals sowjetischen Bastion. Sie halten ihre Gewehre schussbereit, wie in einer Strafkolonie. Bagram gilt eineinhalb Jahre nach Austreibung der Taliban immer noch als "Kampfzone". Erst kürzlich feuerten Anhänger des alten Regimes 14 Raketen auf den Stützpunkt ab. Wenig später entdeckte eine Patrouille in unmittelbarer Nähe ein Waffenlager: Panzerminen, Tretminen, Mörser und Munition. Sogar beim Joggen, auf der Toilette und in der Kantine tragen die GIs ihre Waffen bei sich.

Links der Hauptstraße liegt das Lager amerikanischer und alliierter Spezialeinheiten, die von hier aus zu Geheimoperationen ins afghanisch-pakistanische Grenzland geflogen werden. Die meisten Elitesoldaten verraten kein Wort über ihre Mission. Manche Einheiten sind so geheim, dass ihre Heimatregierungen nicht einmal ihre Anwesenheit eingestehen. Zwei junge Männer in deutscher Uniform, Mitglieder des Kommando Spezialkräfte (KSK), flitzen auf Mountainbikes in die Einfahrt. Das nur wenige hundert Mann starke KSK gehört zu den geheimsten Formationen der Bundeswehr.

Schräg gegenüber des Lagers der Special Forces ragt eine Werkhalle aus verblichenem Plattenbeton auf. Die Fenster sind mit dunkelroten Stahlplatten verschweißt. Das Inquisitionszentrum. Syed Abbasin, ein 21-jähriger Mann aus Khost, empfand nach 30 Tagen in der Werkhalle die amerikanische Häftlingskolonie Guantánamo auf Kuba, in der er danach ein knappes Jahr interniert war, fast als Ferienlager. Abbasin ist Ingenieurstudent; er verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Fahrer eines Überlandtaxis von Kabul nach Khost. Afghanische Milizionäre hatten ihn an einem Checkpoint festgenommen, sein Auto konfisziert und ihn den Amerikanern als "al-Qaida-Mann" ausgeliefert. Sein Vater, Generaldirektor für Flugverwaltung der staatlichen Luftlinie Ariana, war zutiefst verletzt. "Wir sind", sagt er, "eine gebildete Familie. Wir waren immer Gegner der Taliban und von al-Qaida." Er beschwerte sich vergeblich.

Das berüchtigte Gefängnis in der Werkhalle wird ausschließlich von den USA geführt, ohne jede Mitsprache der anderen im "Krieg gegen den Terror" verbündeten 53 Nationen. Agenten der CIA und amerikanische Soldaten machten sich nach Abbasins Aussage die Finger selbst nie schmutzig. Sie setzten die Gefangenen unter psychischen Druck; physische Misshandlungen überließen sie afghanischen Wärtern. Abbasin, er wurde am 25. März dieses Jahres mit einer flüchtigen Entschuldigung entlassen, leidet bis heute an einem lädierten Knie und einer schweren Sehstörung im linken Auge.