Wo ist João Magueijo? Die Suche nach dem jungen Physikprofessor wird zum Irrweg durch vier Dimensionen. Der Pförtner des Imperial College lässt ewig das Telefon klingeln, umsonst. Dann schickt er den Besucher raus in die Londoner Innenstadt, einmal um die Ecke, zum nächsten Büroturm. Auch dort versucht der Pförtner vergeblich, Magueijo zu erreichen. Im fünften Stock verwinkelte Flure, Professoren in schmalen Zimmerfluchten, Doktoranden beim Teetrinken. Endlich in Raum H 502 sagt ein Mann: "Ich bin nicht João, Sie sind im falschen Gebäude." Plötzlich ist Magueijo am Handy. "Wo bleiben Sie?"

Vielleicht ist das Versteckspiel in Raum und Zeit gewollt, schließlich hat der gebürtige Portugiese gerade ein Buch über die Relativitätstheorie geschrieben. Besser gesagt: gegen die Relativitätstheorie. Schneller als die Lichtgeschwindigkeit heißt es, der Untertitel kündet vom "Entwurf einer neuen Kosmologie." Der deutsche Verlag C. Bertelsmann schwärmt im Klappentext: "João Magueijo ist im Begriff, einer der ganz großen Physiker des neuen Jahrhunderts zu werden." Das Buch in Kurzform: Erst kam Albert Einstein, dann João Magueijo.

Nichts bewegt sich schneller als Licht, das mit 300000 Kilometern pro Sekunde durchs Vakuum flitzt, hatte Einstein einst postuliert und damit den Grundstein für seine Relativitätstheorie gelegt. Wenige Säulen der Physik sind so fest zementiert wie diese. João Magueijo will davon nichts mehr wissen. Kurz nach dem Urknall, behauptet er, bewegte sich das Licht fast unendlich schnell. In seinem Buch inszeniert er sich als rebellischer Jungphysiker, der jahrelang kämpfen musste, bis er seine Idee veröffentlichen durfte. Nun erklärt er seine Theorie populärwissenschaftlich und schreibt gleich noch eine Art Autobiografie. Mit 34 Jahren.

In mehr als zehn Sprachen wurde Schneller als die Lichtgeschwindigkeit übersetzt, unter anderem in Chinesisch, Griechisch, Arabisch. Auf amerikanischen Bestsellerlisten steht es weit oben. Frech ist Magueijo in seinem Buch, so frech, dass die erste englische Ausgabe eingestampft wurde, weil dem Verlag eine Verleumdungsklage drohte. Die englische Neuauflage wurde entschärft, doch in der amerikanischen und der deutschen Ausgabe sind Magueijos Ausbrüche unversehrt erhalten. Die englischen Pförtner beschimpft er als die größten Snobs – vielleicht verleugnen sie ihn deshalb? –, Universitätsbeamte als "Idioten", eine amerikanische Forschergruppe in Berkeley als "geistesgestörte Leute", einen Herausgeber der Zeitschrift Nature als "kompletten Trottel" mit "Penisneid", die Chefs des Imperial College als "wissenschaftliche Zuhälter" und sich selbst einmal als "absolutes männlich-chauvinistisches Schwein". Michel Houellebecq für Physiker.

Endlich kommt der Gesuchte hinter einer Sitzecke mit verschlissenen Polstermöbeln zum Vorschein. Der gut aussehende junge Mann, der sich vom Computer zur Tür dreht, trägt ein rotes T-Shirt und würde auch in eine Stierkampfarena passen. Aber als João Magueijo elf Jahre alt war, schenkte ihm sein Vater Die Evolution der Physik von Albert Einstein und Leopold Infeld. Der kleine João wollte Physiker werden. Der große Magueijo sagt zur Begrüßung: "Ich habe nicht viel Zeit." In einer halben Stunde müsse er zum Yoga. Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf und wartet auf Fragen.

Also Magueijo im Schnelldurchgang: Warum dieses Buch? "Normalerweise schreiben Leute ein Buch, wenn sie alt und etabliert sind. Ich wollte es andersherum machen." Warum so ein rüder Tonfall? "Ich wollte die menschliche Seite der Wissenschaft zeigen." Kein Ärger mit Kollegen? "Ein paar Leute waren verärgert, aber meine Freunde sind immer noch meine Freunde." Sind Sie der neue Einstein? "Quatsch. Der Vergleich ist mir peinlich. In einem gewissen Sinne sind alle theoretischen Physiker ein bisschen wie Einstein."

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Um zu verstehen, wogegen Magueijo anrennt, muss man bis zum Urknall zurückgehen. Die Entstehung des Universums erklären die Physiker heute für gewöhnlich mit der so genannten Inflationstheorie. Sie wurde Ende der siebziger Jahre von Alan Guth postuliert – weil dieser eine kreative Idee für einen Professorenposten brauchte, behauptet Magueijo – und gilt inzwischen als beliebteste Schöpfungsgeschichte der Physiker. Insbesondere vermag sie nämlich das "Horizontproblem" zu lösen, das heißt, sie kann erklären, warum das Weltall in alle Richtungen extrem gleichmäßig erscheint.