Der prominente Journalist Tom Segev hat mit seinen bisherigen – nicht unumstrittenen – Büchern wie Die Siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung oder One Palestine, Complete hohe Standards gesetzt. Allein der Titel seiner jüngsten Streitschrift weckt deshalb besondere Erwartungen: Elvis in Jerusalem.

"Obwohl die meisten Bürger Israels Juden sind, fällt es ihnen schwer, sich über wesentliche Werte und Normen ihrer Gesellschaft einig zu werden", heißt es in der Verlagsankündigung. "Im Zentrum der Debatte, die seit der Staatsgründung 1948 geführt wird und immer wieder zu hitzigen ideologischen und moralischen Streitereien geführt hat, stehen zwei grundlegende Strömungen: Zionismus und Amerikanisierung. Die Frage stellt sich, welche Prägung den Terror überdauern wird – die jüdisch-zionistische Tradition oder eine multinationale liberale Demokratie."

Für Segev zählt der Staat Israel, trotz aller Mängel, zu den großen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Die israelischen Kinder sprechen mit ihren Eltern hebräisch und genießen etwas, was ihren Vorfahren häufig nicht vergönnt war, sie wachsen in der Nähe ihrer Großeltern auf. In diesem Sinne habe der Zionismus sein Ziel erfüllt, nämlich eine normale Existenz für das jüdische Volk zu schaffen. Die Kritik am Zionismus aber ist so alt wie der Zionismus selbst. Theodor Herzl, dessen kühne Vision von einem Judenstaat einst von Religiösen, Liberalen und Marxisten gleichermaßen angegriffen worden war, hätte ein Lied davon singen können. In diese Tradition reiht der Autor nun auch die so genannten Postzionisten ein, die sich im vergangenen Jahrzehnt vor allem durch ihre Skepsis gegenüber dem offiziellen Israel auszeichneten und anhand von erstmals zugänglich gemachtem Archivmaterial historische Mythen aus der Zeit der Staatsgründung infrage stellten. Von ihren Gegnern werden die Postzionisten, zu denen auch Segev zählt, für viel Schlimmes verantwortlich gemacht: etwa die Schwächung eines immer noch – oder besonders jetzt wieder – als überlebensnotwendig erachteten Nationalismus.

"Selbstkritik und Zweifel – einige mögen es ,mangelnde Vision‘, einhergehend mit Defätismus und Hoffnungslosigkeit nennen –", schreibt Segev, aber seien immer schon integraler Bestandteil der zionistischen Geschichte gewesen. Damit wehrt er sich gegen die Unterstellung, dass der Postzionismus zusammen mit dem Zionismus entstanden und nur der letzte Ausbruch einer Krankheit sei, an der die intellektuellen Zirkel in Israel von Anfang an gelitten hätten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Buch in erster Linie als Verteidigungsschrift gegen solche Anwürfe konzipiert wurde. Der Rest ist ein nicht uninteressantes, aber zu kurz gekommenes Beiwerk.

Denn die Geschichte der Amerikanisierung der israelischen Gesellschaft muss erst noch geschrieben werden. Das räumt auch Segev selber ein. In seinen Augen hatte die Amerikanisierung des Landes einen weitgehenden, positiven Einfluss, denn sie brachte nicht nur McDonald’s und Einkaufszentren, sondern auch Tugenden wie Pragmatismus, Toleranz und Individualismus mit sich. Aus diesem amerikanischen Geist erwuchsen die Abkommen von Camp David zwischen Ägypten und Israel sowie die heute tief sitzende Erkenntnis, dass die Besetzung von Westjordanland und Gaza keine dauerhafte Angelegenheit sein könne. Diese "postzionistische Entwicklungsphase" habe sich schließlich in der Bereitschaft niedergeschlagen, den Palästinensern mit weit reichenden Zugeständnissen und einer gemeinsamen Kontrolle über Jerusalem entgegenzukommen. Doch die nach den gescheiterten Verhandlungen vom Sommer 2000 ausgebrochenen Gewalttätigkeiten setzten dem postzionistischen Impuls ein Ende.

Der palästinensische Terror hat Israel zurück in den Schoß des Zionismus gebombt. Das ändere jedoch nichts an den tiefgreifenden Entwicklungen der israelische Gesellschaft, glaubt Segev. Und diese würden langfristig in seine Richtung weisen.