Frankfurt

Dieser Mann, der zurzeit Gerhard Schröders gefährlichster Herausforderer ist, wirkt auf den ersten Blick gar nicht so bedrohlich, wie seine Gegner ihn beschreiben. Dabei hat er doch der rot-grünen Koalition aus lauter Empörung über Schröders Agenda 2010 einen "heißen Mai" angedroht. Er will das Reformpaket der Regierung um jeden Preis blockieren. Und er war auch bereit, das Mitgliederbegehren der sozialdemokratischen Dissidenten organisatorisch zu unterstützen, was den Kanzler ganz schön in Verlegenheit gebracht hätte, vom IG-Metall-Vorstand aber dann doch verhindert wurde.

Kein Zweifel, Jürgen Peters, 59, gelernter Maschinenschlosser, sein ganzes Berufsleben lang Funktionär der IG Metall und seit 1966 Sozialdemokrat, ist ein Mann für harte Bandagen. Aber wenn man ihm gegenübersitzt, ist es wie so oft bei solchen Begegnungen: Alles halb so wild. Kaffee, Wasser, entspannte Stimmung, keine Kanzlerbeschimpfung, kein Kriegsgeschrei. "Wir wollen keinen anderen Kanzler", versichert der Vizechef der IG Metall, der im Oktober an die Spitze der größten deutschen Einzelgewerkschaft aufrücken soll, "wir wollen eine andere Politik." Die Alternative, Stoiber/Merkel/Merz, sei keine für ihn, aber eine SPD, die der CDU immer ähnlicher werde, die wolle er auch nicht. Er spricht über das Wohl und Wehe von Kompromissen – "ein Kompromiss, der nur der anderen Seite wehtut, ist nicht von Dauer", na bitte! – und findet ewige Worte zur Philosophie erfolgreichen Verhandelns: "Wer nicht nein sagen kann, braucht nicht in Verhandlungen zu gehen. Er muss nur sagen: Guten Tag, wo, bitte, darf ich unterschreiben?" Unnötig zu sagen: Sein Stil ist das nicht.

Weil er weiß, wie sehr er als "Haudrauf" der IG Metall wirkt und wie fatal sein öffentliches Image heute an Klassenkampf und Old Labour erinnert, spricht Jürgen Peters immer mal gerne von seiner Zeit in Hannover. Das war die Phase seiner ersten Verhandlungserfolge, die ihn republikweit bekannt machten, und das nicht als Radikalinski und Buhmann. "Nein" war noch nicht sein einziges Wort.

Peters, ein Aufsteiger aus dem effizienten und berüchtigten Schulungssystem der IG Metall, war von 1988 an zehn Jahre lang Bezirksleiter seiner Gewerkschaft in Niedersachsen. Das ist nicht irgendein Job. Auf diesem Territorium liegt schließlich Wolfsburg. Und dort, bei Volkswagen, ist die Welt der Metallgewerkschaft noch in Ordnung. 90 Prozent der Beschäftigten sind organisiert.

Auch in Hannover war Jürgen Peters "kein Weichei", wie er selbst sagen würde. Aber bei aller Härte in den Tarifverhandlungen war er zu dieser Zeit durchaus für kreative Kompromisse zu gewinnen. Wenn heute jemand sagt, "der Peters, der kann auch pragmatisch sein", dann denkt er an damals. Die ehemaligen Hannoveraner beispielsweise, die jetzt in Berlin regieren, reden so über ihn: Gerhard Schröder, sein Kanzleramtschef Steinmeier und der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Tacke. Sie alle kennen Jürgen Peters noch gut aus jener Zeit: "Was mit ihm ausgemacht wurde, das galt." Herrliche Zeiten müssen das gewesen sein. Ohne Peters, jedenfalls, so geht die Fama, wären in den neunziger Jahren die 28-Stunden-Woche bei VW – ohne vollen Lohnausgleich – und später das "5000 mal 5000"-Modell in Wolfsburg als Alternativen zu Massenentlassungen nicht möglich gewesen. Die Entwicklung solcher Modelle brauchte Bereitschaft zum Umdenken und Umstellen. Und Kraft zum Durchsetzen. Für solchen Konsens im Einzelfall, dafür war Peters, der heute als leidenschaftlicher Besitzstandswahrer auftritt, damals noch zu haben. Zumal er mit den Sozialdemokraten im gemeinsamen Boot der Opposition gegen Kohl saß. Doch diese schönen Tage von Hannover sind vorbei. Jetzt kommt der "heiße Mai". Jürgen Peters bläst zur Attacke gegen den Kanzler.

Hat Schröder dieses Mal einen Fehler gemacht? Hätte er Jürgen Peters nicht einfach zum Gespräch einladen können? "Warum sagt er ihm nicht, dass er seine Unterstützung braucht?", fragt ein IG Metaller. Der Kanzler hätte den Hardliner rechtzeitig an seine Seite holen müssen, wie er es früher tat. Aber so einfach ist das nicht: Eitelkeiten stehen im Weg, ebenso wie das Protokoll und persönliche Rücksichtnahmen. Der Kanzler kann nicht den zweiten Mann der IG Metall anrufen, solange der erste, Klaus Zwickel, noch im Amt ist. Schon gar nicht, da sich diese beiden "Arbeiterführer" seit Jahren im permanenten Kleinkrieg miteinander befinden. Peters wiederum will, wie er im Gespräch betont, seinerseits nicht hinter Zwickels Rücken Kontakte zum alten Hannoveraner Partner in Berlin pflegen. Das geht so leider nicht, sagt er. Ob er es wirklich bedauert?

Die Wahrheit ist wohl: Gedrängt dürfte es Jürgen Peters zu einem solchen Gespräch nicht haben. Denn seine Ablehnung der rot-grünen Agenda steht fest. Das Nein ist populär. Darin ist er sich sogar mit Berthold Huber einig, dem Stuttgarter IG-Metall-Bezirkschef, den Zwickel als Nachfolger vorgezogen hätte und den Peters mit seiner Hausmacht vor drei Wochen aus dem Rennen warf. Ob vom "Modernisierer" Huber oder vom "Traditionalisten" Peters – in der IG Metall wird die Agenda als Bruch von Wahlversprechen und als Absage an die Interessen der kleinen Leute verstanden. Die Zeichen stehen auf Mobilisierung, Druck, Kampf. Die Stimmung ist vor allem unter den mittleren Funktionären eindeutig. Zur Mäßigung ruft niemand mehr auf. So entwickelt die öffentliche Zuspitzung ihre eigene Dynamik. Je öfter Schröder, Clement und Scholz in Berlin die 1:1-Umsetzung der Agenda fordern, desto schneller wächst die Nachfrage nach militanten Parolen und harten Kerls. Nach Neinsagern und Kämpfern wie Peters. Jetzt ist er in seinem Element. Diesmal muss er keine unpopulären Einigungen durchsetzen. Jetzt kann er seine Heerscharen gegen unpopuläre Projekte ins Feld führen. Auch die Gewerkschaften haben ihre Populisten. Und Jürgen Peters ist beim Fußvolk der populärste.