Der Chemielehrer hätte allen Grund zum Stolz: Er war es, der die Buben des Reutlinger Johannes-Keppler-Gymnasiums derart für den Umgang mit Reagenzglas und Bunsenbrenner begeisterte, dass in einem Jahr von elf Abiturienten gleich fünf das Studium der Chemie aufnahmen. Einer von ihnen war Jürgen Hambrecht, der sich – Zeitzeugen zufolge – als Schüler "nicht besonders" hervorgetan haben soll, inzwischen wohl aber höchste Gnade in den Augen des Mentors fände: Hambrecht wird demnächst Chef des größten Chemieunternehmens der Welt. Am 6. Mai übernimmt er den Vorstandsvorsitz bei BASF in Ludwigshafen.

Es ist keine ideale Zeit für Karrieresprünge: Die Weltwirtschaft befindet sich im Abschwung, der Ölpreis schwankt wie seit Jahren nicht mehr. Härter kann das Schicksal Chemie-Manager kaum treffen: Erdöl ist der wichtigste Rohstoff für Farben, Folien, Fasern und alles, was die Branche sonst so herstellt. Gleichzeitig machen diese Produkte BASF & Co besonders anfällig für Nachfrageschwächen: Egal, ob die Konsumenten beim Auto, der Kleidung oder beim Hausbau knausern, immer landet der Spardruck am Ende in den Chemiefabriken.

Jürgen Hambrecht ist einer, den das nicht sonderlich zu schrecken scheint. Einem dem das Wort "Sparen" sowieso leichter über die Lippen geht als "Shareholder-Value" und andere Modebegriffe des Managements. Nicht dass ihm die Idee fremd wäre, Werte zu schaffen. Hambrecht ist Schwabe. Einer, der gelernt hat, dass Vermögen nicht das Geld ist, das man verdient, sondern nur das, das man nicht gleich wieder ausgibt. Bierbrauer, Baustoffhändler waren seine Vorfahren. Eine bürgerliche Kindheit nahe der Schwäbischen Alb, wo er gelernt hat, dass man beim Obsternten in Opas Garten "jeden einzelnen Apfel sauber abdreht und dabei nicht die Äste abbrechen darf". Sparen, ohne die Zukunftsperspektiven zu beschneiden.

Das wird der 56-Jährige jetzt wieder beherzigen. Er hat Glück und muss nicht bei null anfangen. BASF ist kein Sanierungsfall. Ganz im Gegenteil, die Analysten geben dem Unternehmen gute Noten. Vorgänger Jürgen Strube hat kräftig vorgearbeitet. Als er Anfang der neunziger Jahre gerade neu im Amt war, kränkelte die Branche nämlich auch. Doch Strube nutzte damals, kurz nach der Maueröffnung, die günstige Gelegenheit, die Energieversorgung der BASF abzusichern: Mit viel Verhandlungsgeschick übernahm er die Lieferverträge, die die DDR einst mit der Sowjetunion geschlossen hatte. Statt von Zwischenhändlern abhängig zu sein, handeln die Ludwigshafener seither selbst mit Brennstoffen. Wenn jetzt die Öl- und Gaspreise steigen, jammern zwar die Buchhalter, die für Chemie zuständig sind, dafür jubeln ihre Kollegen in der Energiesparte.

Auch an die Produktpalette hat Strube Hand angelegt. Rund 15000 Arbeitsplätze baute die BASF unter seiner Ägide allein am Standort Ludwigshafen ab – bemerkenswerterweise völlig ohne Kündigungen. Was nicht ins Sortiment passte, wurde in Joint Ventures ausgegliedert oder mit Mann und Maus verkauft. Zurück blieben Chemieanlagen, die so eng verflochten sind, dass vorn Erdöl hineinfließt, hinten Kunstborsten, Plastikfolien, Schmier- und Spritzmittel aller Art herauskommen und in den Verästelungen dazwischen nichts verloren geht. Verbund nennen Fachleute diese Vernetzung, die niemand auf der Welt besser beherrscht als BASF. Strube hat das System perfektioniert und so dafür gesorgt, dass die angelsächsischen Wettbewerber das deutsche Wort zähneknirschend in ihr Vokabular aufnehmen mussten.

Hambrecht beauftragte er damit, die heimatlichen Strukturen auf den Zukunftsmarkt Asien zu übertragen. Fünf Jahre brachte der Schwabe damit zu, zwei Verbundwerke in China und Malaysia aus dem Boden zu stampfen. "Er weiß wie kaum ein anderer, welche Bedeutung dieser Markt hat", lobt Martin Posth, Ex-Volkswagen-Vorstand und Präsident des Asien-Pazifik-Forums. "In der gesamten Branche ist in Asien keiner so gut aufgestellt wie BASF", heißt es sogar bei der Konkurrenz. Kein Wunder, dass Hambrecht von seinem Chef mit dem Ehrentitel "Mr Verbund" bedacht wurde, als er nach getaner Arbeit aus Hongkong zurückkehrte. Rückwirkend betrachtet, muss das wohl eine Vorentscheidung für den Vorstandsvorsitz gewesen sein.

Hambrecht ist keiner, der sich auf solchen Lorbeeren ausruhen würde. Solange es bei den Chemikalien etwas gibt, das asiatische Hersteller billiger herstellen oder amerikanische Wettbewerber teurer verkaufen können, hält er das Potenzial seines Verbunds nicht für ausgeschöpft. "Meistens holen wir noch ein bisschen mehr raus, als wir dachten", sagt er. Man ahnt: Er tüftelt längst an weiteren Tricks.

Hambrecht, der Sparsame, Hambrecht, der ewig Emsige. "Im Liegestuhl kann ich ihn mir nicht vorstellen", sagt Robert Oswald, Betriebsratschef der BASF AG und Aufsichtsratsmitglied. Für den Arbeitnehmervertreter, der selbst aus Bayern stammt, ist Hambrecht die sprichwörtliche "Verkörperung" aller Tugenden des deutschen Südwestens.