Es war eine der spektakulärsten Pleiten der Organisation. Am Morgen des 26. November 1997 landete Hubert Neiss, der Leiter der Asien- und Pazifik-Abteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF), mit einigen Mitarbeitern in Seoul. Nach dem thailändischen Baht und der indonesischen Rupiah war nun auch der koreanische Won unter starken Druck geraten. Tief verbeugte sich Choi Joong Kyung, Abteilungsleiter im Finanzministerium, als Neiss im Gebäude der Bank of Korea eintraf. Mehrfach entschuldigte sich der Beamte, dass man den Fonds erst so spät eingeschaltet habe. "Er war beinahe am Weinen", erinnerte sich ein IWF-Mitarbeiter.

Solche Details sind nachzulesen in dem Buch The Chastening. Inside the Crisis That Rocked the Global Financial System and Humbled the IMF. Der Verfasser Paul Blustein, Redakteur der Washington Post, interviewte rund 180 Entscheidungsträger im IWF, in Regierungsapparaten und Zentralbanken und wälzte sich durch dicke Stapel von Dossiers über die Asienkrise und ihre Bewältigung. Heraus kam ein ebenso kompetentes wie anschauliches Buch.

Die Liste der Fehlleistungen des IWF ist beträchtlich. So vereinbarten die IWF-Unterhändler im August 1997 mit der thailändischen Regierung drastische Haushaltseinsparungen, um die Nachfrage nach Importgütern zu beschneiden. Sie rechneten irrtümlicherweise mit einem Wachstum von 3,5 Prozent. In Wirklichkeit ging es mit der thailändischen Wirtschaft bereits steil bergab, und die Haushaltskürzungen machten alles noch schlimmer.

Allerdings zeigte sich der IWF durchaus lernfähig. Bald drängte Stanley Fischer, First Deputy Managing Director und intellektueller Kopf des Fonds, die thailändische Regierung, Haushaltsdefizite in Kauf zu nehmen, um die Nachfrage abzustützen. Im März 1998 schaltete Bangkok dann um.

Joseph Stiglitz, seinerzeit Chefökonom der Weltbank, donnerte bei jeder Gelegenheit gegen den IWF wegen seiner Hochzinsauflagen. Damit würden reihenweise Firmen in den Bankrott getrieben. Aber ohne höhere Zinsen ließen sich die krisengeschüttelten Währungen kaum stabilisieren. IWF-Vize Fischer kommentierte: "Wir standen hier vor einem Dilemma. Joe Stiglitz übersah schlicht und einfach, dass Abwertungen ebenfalls Firmen in den Bankrott treiben konnten." Dann wären nämlich, gerechnet in der Landeswährung, die Dollar-Schulden der Unternehmen noch weiter gestiegen.

Ein zweites Paket für Südkorea (Weihnachten 1997) und das zweite Programm für Brasilien (März 1999) erwiesen sich schließlich als Erfolgsgeschichten. Die Krise klang aus, das Kapital kehrte zurück, die Zinsen konnten wieder gesenkt werden. In beiden Fällen wurden die ausländischen Banken in die Aktion mit eingebunden. Schon die simple Verabredung, überwacht vom IWF und von den Notenbanken, kurzfristige Kredite eine Weile zu stunden, wirkte in der gegebenen Situation Wunder. Derlei ist jedoch nicht immer möglich.

Deshalb legt man Blusteins Buch nicht ohne ein leichtes Gruseln aus der Hand. Jack Boorman, seinerzeit Abteilungsleiter im IWF, meint rückblickend: "Mich beeindruckt, wie schnell die Leute vergessen, wie gefährlich die Lage wirklich war." woz