Nach einem guten Schluck grünem Tee rotzt der Mann auf den Boden – das war in Peking immer so. Kein imperialer Erlass und kein kommunistisches Parteiverbot hat den Pekinger Männern je ihre Spuckleidenschaft austreiben können. Doch die neue Krankheit SARS ist stärker als alle Mächte, die bislang die Stadt regierten: Wo die Pekinger Fahrradfahrer vor den Ampeln halten, gibt es heute keine Spuckflecken mehr. Auf den staubigen, stinkenden Gemüsemärkten der Stadt, die sich früher zur Mittagstunde in riesige Abfallhalden verwandelten, reichen kleine Wandanschläge mit der Aufschrift "Spucken verboten – SARS-Gefahr", um die Marktleute ein neues Bewusstsein zu lehren. "Wir wissen jetzt alle, wie gefährlich das Spucken ist", sagt der 30-jährige Gemüseverkäufer Zhang Jianguo. Hinter einer strahlend weißen Atemmaske bietet Zhang auf dem alten Markt am Pekinger Arbeiterstadion seine Ware feil. Rettiche, Rüben und Zucchini hat er wie immer auf der holzbeschlagenen Ladefläche seines Dreirades aufgestapelt. Doch statt den Gemüseabfall wie gewohnt hinter die nächste Mauer zu werfen, sammelt er ihn in Kartons und Tüten ein. "Unser Markt war noch nie so sauber", meint Zhang.

Es gibt also durchaus gute Nachrichten aus Peking. Doch die schlechten machen Furore. Eben war die Stadt noch Schalt- und Machtzentrum des jüngsten Wirtschaftswunders der Weltgeschichte. Jetzt ist sie Mittelpunkt der "ersten globalen Epidemie des 21. Jahrhunderts" – als solche definiert die Chefin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Gro Harlem Brundtland, den Ausbruch des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms in über dreißig Ländern.

Alles Abwiegeln hilft nicht mehr

Inzwischen sind weltweit knapp 5000 Menschen am SARS-Virus erkrankt, davon die bei weitem größte Zahl – annäherend 4500 – in China und Hongkong. Etwa 300 Menschen starben bislang an der neuen Krankheit, 230 von ihnen in China und Hongkong.

Diese Zahlen mögen zumal für chinesische Verhältnisse noch nicht erschreckend wirken. So bemühen sich die chinesischen Medien, ihr Publikum mit den viel höheren Zahlen der Verkehrsopfer in China oder der Cholera-Toten in Afrika zu beruhigen. Genauso reden westliche Botschafts- und Konzernangehörige in Peking, die ihre Beziehungen zur chinesischen Regierung pflegen oder ihre Investitionen in der Volksrepublik schützen wollen. Doch alle Zahlenspiele ändern nichts daran: SARS hat zuallererst China, das Land mit dem zuvor höchsten Wirtschaftswachstum der Welt (9,9 Prozent im ersten Quartal 2003), in seine schwerste gesellschaftliche Krise seit der blutigen Niederschlagung der Studentenrevolte auf dem Tiananmen-Platz vor 14 Jahren gestürzt. Zugleich steckt das zuerst im November 2002 in der südchinesischen Provinz Guangdong aufgetauchte SARS-Virus nicht nur Menschen in anderen Ländern an, sondern überträgt mit der Just-in-time-Geschwindigkeit des globalen Warenverkehrs auch seinen wirtschaftlichen Kriseneffekt. Schon schätzt die Weltbank die wirtschaftlichen Kosten der SARS-Epidemie auf 13,7 Milliarden Euro und erwartet statt sechs nur noch fünf Prozent Wirtschaftswachstum in ganz Ostasien. Erste Leidtragende sind die Länder Südostasiens. In Singapur und Thailand, Malaysia und Indonesien ist der Reiseverkehr verebbt, bleiben die Hotels leer, steht das für viele überlebenswichtige Tourismusgeschäft kurz vor dem Zusammenbruch. Die Fluggesellschaften der Region – Cathay Pacific, Singapore Air, Qantas und andere – haben bis zu 40 Prozent ihrer Linienflüge abgesagt.

Die Nachbarländer sind wütend

Cathay Pacific überlegt sogar die Einstellung aller Flüge. "Wir erleben die schwerste Krise seit unsere Staatsgründung", erkannte Singapurs Premierminister Goh Chok Tong und sagte eine Reise nach China kurzfristig ab, um stattdessen nach Indien zu jetten. In Südostasien, wo die Chinesen oft eine geschäftstüchtige, aber wenig geliebte Minderheit bilden, ist die Wut auf China groß. Mindestens zwei Monate lang, von Ende Januar bis Ende März, verschwiegen die chinesischen Behörden den SARS-Ausbruch in Guangdong. Zu der Zeit tagte in Peking der Nationale Volkskongress und entschied über die umfangreichste Regierungsumbildung in mehr als zwanzig Jahren. Man kann das auch historisches Pech nennen. Doch wenige Regierungen in der Region sind heute schon bereit zu verzeihen, dass Chinas Führung sich in den entscheidenden Wochen, als sie eine weltweite Epidemie möglicherweise noch hätte verhindern können, nur um die eigenen Geschäfte kümmerte und das Virus ohne Warnung über die Grenzen wandern ließ. Ein SARS-Sondergipfel der südostasiatischen Staaten rang sich in dieser Woche nur mit Mühe durch, Chinas Premier Wen Jiabao überhaupt einzuladen.

Gleichwohl erntet die Pekinger Führung um Wen und Staats- und Parteichef Hu Jintao inzwischen auch Applaus aus dem Ausland. US-Präsident George W. Bush griff am Wochenende als erster westlicher Regierungschef zum Telefon, um Hu Lob und Unterstützung für den Anti-SARS-Kampf seiner Regierung zu übermitteln. Zuvor war in Washington die Erkenntnis durchgesickert, dass es für die neue Pekinger Regierungsmannschaft längst um mehr als nur die Eindämmung des Virus geht. Seit der Gesundheitsminister und der Pekinger Bürgermeister für ihre Vertuschung der SARS-Ausbreitung entlassen wurden, stehen Hu und Wen persönlich für den Erfolg der weiteren Regierungsmaßnahmen ein. Sie riskieren dabei nicht nur ihre hohen Ämter, sondern auch die politische Stabilität im bevölkerungsreichsten Land der Welt. Nichts konnte dies deutlicher unterstreichen als der erste Auftritt des KP-Patriarchen Jiang Zemin im Zeichen der SARS-Krise. Am Wochenende meldete sich der "starke Mann" Chinas nicht etwa aus dem vom Virus geplagten Peking zu Wort und reichte Hu und Wen bei ihrer Arbeit die Hand, sondern orakelte im von der Epidemie weitgehend verschont gebliebenen Shanghai über die "Bedrohung für Gesundheit und Leben des Volkes".