SchÖpferisch Ich habe einen Traum
Edzard Reuter, 75, ist der Sohn des früheren Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Ernst Reuter. Nach einem Physik-, Mathematik- und Jurastudium bewarb er sich als 29-Jähriger bei der Daimler-Benz AG ? und wurde abgelehnt. Er ging zunächst als Prokurist zur Berliner Ufa, dann in die Geschäftsleitung der Bertelsmann Fernsehproduktion in München. 1964 holte ihn Hanns Martin Schleyer nach Stuttgart in die Daimler-Benz-Zentrale. Dort stieg Reuter innerhalb von zehn Jahren zum Vorstandsmitglied auf, 1987 wurde er zum Vorstandsvorsitzenden des Konzerns berufen, 1995 wechselte er in den Aufsichtsrat. Heute ist er Buchautor und vergibt über die Helga und Edzard Reuter-Stiftung Forschungsstipendien »auf dem Gebiet der internationalen Gesinnung und Toleranz«. Hier träumt er davon, in Berlin einen neuen Stadtteil zu bauen
Berlin ist eine Stadt, die mich jedes Mal, wenn ich herkomme, von neuem umtreibt. Noch immer erinnert sie daran, was Zerstörung durch Krieg bedeutet. Überall bleiben die Wunden auch dann spürbar, wenn sie nicht mehr zu sehen sind. Im Traum stelle ich mir wahrscheinlich gerade deswegen so oft vor, wie meine Heimatstadt wohl in fernerer Zukunft aussehen mag.
Gewiss, auch heute schon gibt es ständig Neues, ebenso aufregend wie anregend. Das gilt auf allen Gebieten, der Politik wie den Künsten, dem Unternehmertum oder der Unterhaltung. Doch eine wahre Hauptstadt hat nun einmal die Pflicht, weit mehr als das zu bieten: Sie muss an der Spitze stehen, wenn es um Mut geht und um Experimente. Das gilt nicht zuletzt für das Bauen. Wo sonst, wenn nicht in der Hauptstadt, wäre ein besserer Ort, um überkommene und unbrauchbar gewordene Ansätze des öffentlichen Raumes zu überwinden?
Renzo Pianos Wurf, der Potsdamer Platz, ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie die neuen Wege aussehen können. Ob hingegen, abgesehen von der Fassade, ein kompletter Nachbau des Stadtschlosses nach alten Plänen wirklich sein muss? Die ungeheure Vielfalt dieser großartigen Stadt mit ihrer enormen Ausdehnung verbietet es freilich selbst einem Träumer wie mir, sich in präzisen Gedanken zu einzelnen Stadtbezirken zu verlieren. Stattdessen hat mir der Magier einen Zauberstab geschenkt: Er lässt mich auf der grünen Wiese einen neuen Stadtteil für Berlin entwerfen. Für eine Stadt des Lebens und der Menschlichkeit.
Wenn wir eine solche Vision träumen dürfen, ist es schön, inmitten eines Teams zu sein, das den Traum mit uns teilt. Das bewahrt nicht nur vor der Gefahr, verspottet zu werden, sondern gibt auch Sicherheit. Das Team, das mit mir diesen Stadtteil entwirft, besteht aus Ingenieuren, Ökologen, Wirtschaftlern, Soziologen, Philosophen, Künstlern, Kirchenleuten und Psychologen. Ein Mix also aus weltoffenen und gut ausgebildeten Frauen und Männern, die vor allem eine Idee eint: Wir konstruieren die öffentlichen Gebäude so, dass man sie bei Bedarf mühelos für neue Bedürfnisse umbauen kann, und wir schaffen für alle Bedürfnisse des öffentlichen Lebens Räume, die nicht zu Einsamkeitsfallen werden.
Aus den ersten Diskussionen im Team wird mir freilich schnell klar, dass eine gediegene Ausbildung allein nicht reicht: Mir fehlen straßenerfahrene Leute, meinetwegen auch Spinner, die sich trauen, unsere Ergebnisse infrage zu stellen. Ich erweitere also das Team um zwei ehemalige Punks. Die Finanzierung der öffentlichen Grundlagen des neuen Stadtteils geschieht nicht durch private Spekulation, sondern durch eine zukünftig in Berlin zu zahlende besondere Form der Erbschaftsteuer. Sie ist intelligent gestaffelt und betrifft all jene, denen ein Vermögen zufällt, für das sie selbst nie etwas erarbeiten mussten. Längst ist dann nämlich das Bewusstsein verbreitet, dass genau eine solche Steuer nichts als eine Solidaritätsabgabe darstellt, denn wer viel geschenkt bekommt, kann denen, die nie etwas erben werden, von seinem Glück abgeben und damit zum gemeinen Wohl beitragen.
Beginnen wir mit der Wohnungsfrage. Die Ein- und Mehrfamilienhäuser errichten wir nicht mehr nach dem Prinzip, wie es sich die großen alten Baumeister des 20. Jahrhunderts, an der Spitze Le Corbusier, erträumten und teilweise auch in Berlin in die Tat umsetzten – mit dem Segen wagemutiger Baustadträte ging es um ganze Wohn-, Arbeits- und Lebenskomplexe für Tausende Menschen. Um der so entstehenden Eintönigkeit zu entgehen, beschließen wir ein Nebeneinander unterschiedlicher Architekturstile und Materialien. Wir bauen unseren Stadtteil so, dass sich die Häuser um begrünte Innenhöfe schmiegen, teils überdacht und teils offen. Um die Menschen nicht in die Einsamkeit vor dem heimischen Fernseher zu zwingen, bringen wir in diesen Höfen aufklappbare Großbildschirme an, auf denen man in der Gemeinsamkeit des Wohnkomplexes Die Tagesschau, Wer wird Millionär? oder Spielfilme ansehen kann. Bäume, Büsche, ein Spielplatz, Bänke und Skulpturen machen diese Innenhöfe zu Ereignisbereichen. Kulturstätten sind dort integriert, sodass Lebendigkeit und und Menschlichkeit nicht nur Lippenbekenntnis bleiben. Übrigens werden die Berliner auch in der Zukunft ihren Hang zur Verkürzung von Namen nicht verloren haben: Kreuzberg wird weiter X-Berg heißen, und zu ihrem neuen Stadtteil werden sie sich etwas einfallen lassen, was dem Träumer noch verborgen bleibt, sosehr er auch nachfragt.
Unsere Straßenzüge sind so angelegt, dass, wenn man von oben auf die Stadt blickt, ein riesiges Herz zu sehen ist, in dem mehr als zehntausend Menschen zu Hause sind. Millionen Lichter beleuchten abends die Stadt, die ihr Energieproblem längst gelöst hat, denn man bedient sich – wie viele europäische Städte der Zukunft – der Solarenergie aus der Sahara. Armdicke Leitungen sind über Tausende Kilometer von Afrika nach Europa gelegt worden: Diese Ingenieurleistung wird nachzulesen sein in den Geschichtsbüchern der Zukunft.
- Datum 30.04.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 30.04.2003 Nr.19
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