Politiker organisieren wichtige Treffen gern an geschichtsträchtigen Orten. Die Vergangenheit der Alexander, des Schiffes, auf dem sich die EU-Außenminister am Wochenende trafen, haben die meisten Teilnehmer hingegen lieber verdrängt: Auf dem Luxuxliner versuchten einst Lady Di und Prinz Charles ihren Ehestreit zu beenden, um künftig eine harmonische Ehe zu führen. Das klappte bekanntlich nicht. Die Europäischen Außenminister gingen hingegen trotz der historischen Bürde eher vergnügt von Bord. Mit gutem Grund. Europas Regierungen haben ihre Hoffnung auf eine neue Einigkeit zu Recht noch nicht aufgegeben, im Gegenteil. Nach Wochen des Streites über den Irak und die Rolle der Europäischen Union, nach heftigen Auseinandersetzungen über den richtigen Umgang mit den USA und jeder Menge gegenseitigem Mißtrauen, vollbrachten ihre Außenminister am Wochenende vor der Ferieninsel Kastellorizo zwei kleine Wunder: Ersten einigten sie sich stillschweigend, ihre Uneinigkeit in Sachen Irak nicht weiter zum öffentlichen Zankapfel zu machen. Keiner will die EU noch einmal so vor der Weltöffentlichkeit blamieren wie in den vergangenen Wochen, in denen sich Regierungen zeitweilig über die Medien beschimpften. Und zweiten wollen sie gemeinsam Lehren aus dem außenpolitischen Desaster ziehen. Konkret: In den kommenden Wochen soll eine gemeinsame Sicherheitsstrategie entstehen, Optimisten hoffen auf ein Pendant zur National Security Strategy der USA. Der Vergleich mit der amerikanischen Sicherheitsdoktrin mag hoch gegriffen sein, dennoch zeigt er die Richtung der neuen europäischen Debatte: Zum ersten Mal in der Geschichte des Alten Kontinents wollen die Regierungen gemeinsam formulieren, wann ihre Bürger oder ihre Interessen bedroht sein könnten und wie sie darauf reagieren: Wie soll Europa mit Staaten umgehen, die über Massenvernichtungswaffen verfügen und sie möglicherweise benutzen? In welche Konflikte sollen Europäische Armeen militärisch eingreifen, wo überall den Frieden sichern? Welche anderen Mittel hat die EU, um auf dieser Welt für mehr Stabilität zu sorgen? Wie weit reicht die "weiche Macht" - Diplomatie, Wirtschaftssanktionen oder politischer Druck - bei unwilligen Regimen und wie kann sie besser eingesetzt werden? Und: Wie hält es die EU mit den USA? Fragen über Fragen. Bis zum nächsten Gipfel im Juni in Thessaloniki soll Javier Solana, der Hohe Repräsentant der EU, im Auftrag der Regierungen konsensfähige Antworten formulieren. Eine Furcht nämlich eint alle Regierungen zusätzlich, die Furcht bei der nächsten Krise, bei der die Amerikaner möglicherweise erneut zu militärischen Mitteln greifen könnten, wieder nur zu streiten. Da solche Szenarien durch den Iran, durch Syrien oder sonst wo schneller Realität werden könnten als heute vorstellbar, drängt die Zeit. Der EU-Außenpolitiker Solana wurde deswegen zudem gebeten, möglichst aktiv an Lösungen für die aktuellen Krisenherde mitzuarbeiten, im Irak, im Nahen Osten, im Balkan. Zumindest Javier Solana beherzigte die guten Vorsätze sofort. Statt eines Sonnenbades nahm er direkt nach dem Treffen den Helikopter zum nächsten Flughafen. Er will nun in Washington nach neuen Gemeinsamkeiten suchen. Offensichtlich soll die Geschichte von Charles und Di wirklich nicht zum böses Omen werden. Internet-Hinweise zum Thema: * White House: The National Security Strategy of the United States of America http://www.whitehouse.gov/nsc/nss.html * Gemeinsame Erklärung Deutschlands, Frankreichs, Luxemburgs und Belgiens zur Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik http://www.bundesregierung.de/Nachrichten-,417.481770/Gemeinsame-Erklaerung-Deutschl.htm * Homepage zur griechischen EU-Präsidentschaft Informal General Affairs and External Relations Council (Gymnich), 2-3/5/03: CFSP Priorities of the 25 EU Current and Future Member States (das Gipfelpapier): http://www.eu2003.gr/en/articles/2003/5/2/2647/ * 25 namhafte Wissenschaftler über die Zukunft der EU-Außenpolitik: http://www.eu2003.gr/en/cat/25/