Frankreich Fatwa adieu

Frankreichs Muslime bekommen einen Zentralrat. Er soll den Islam einbinden und den Fundamentalismus zurückdrängen

Paris

Ein Kommandant für Mystik und Glaubensfragen? Ein Agent für Sektierer und Kellerpropheten? Dalil Boubakeur, der neue Religionsführer der fünf Millionen Muslime in Frankreich, sieht nicht aus wie ein Eiferer im Namen des Herrn. Seitdem die Vertreter der insgesamt tausend muslimischen Kultstätten in Frankreich zum ersten Mal in der Geschichte der Republik einen Zentralrat gewählt haben, den Conseil français du culte musulman, muss sich der 63 Jahre alte Boubakeur sogar um besondere Mäßigung bemühen.

Für Innenminister Nicolas Sarkozy ist die Interessenvertretung der Muslime ein Kernstück seiner Integrations- und Immigrationspolitik. Er will die zweitgrößte Religionsgemeinschaft Frankreichs aus ihren „Kellern und Garagen“ herausholen, um sie dem radikalisierenden Einfluss obskurer Imame zu entwinden. Woran vier seiner Amtsvorgänger gescheitert waren, das hat Sarkozy in einem Jahr geschafft – nicht zuletzt angetrieben durch den heraufziehenden Irak-Krieg, der es umso dringlicher machte, Frankreichs unruhige Muslime durch öffentliche Anerkennung zu domestizieren.

Anzeige

Dabei war die außenpolitische Friedensdiplomatie von Staatspräsident Chirac für den Innenminister von größtem Nutzen. Selten zuvor konnten sich die Muslime in Frankreich derart im Einklang mit der Regierung fühlen. Sarkozy nutzte die Gelegenheit, ließ die Gemeindevertreter wählen und rang ihnen sogar einen historischen Kompromiss ab. Die sieben großen Muslim-Gruppen, die in den Zentralrat gewählt wurden, mussten sich von vornherein auf den gebürtigen Algerier Dalil Boubakeur als Präsidenten einigen, den Rektor der Großen Moschee zu Paris, einen gemäßigten Repräsentanten der republiktreuen Muslime.

Doch mit dem Ende ihres spirituellen Schattendaseins werden auch die innerislamischen Spannungen öffentlich. Denn den Zentralrat dominieren – wenig verwunderlich – jene organisierten Gruppen, die auch im Land die Mehrheit stellen: Fundamentalisten, deren strenge Sitten und Glaubensvorstellungen mit dem Grundsatz der französischen Republik kollidieren, wonach die Religionszugehörigkeit keine Rolle im öffentlichen Leben spielen darf.

Dalil Boubakeur, ein promovierter Mediziner mit sanftem Mondgesicht und Gelehrtenbrille, hat sein Büro in einem schattigen Seitenschiff der Großen Moschee zu Paris. Regelmäßig kommen wütende Muslime in seine Sprechstunde und bezichtigen ihn des Verrats an der reinen Lehre. Dann nimmt Boubakeur die erhitzten Gemüter mit auf einen Spaziergang durch seine maurische Palastanlage direkt neben dem Jardin des Plantes. Diese orientalische Kleinstadt mit Moschee, Minarett, Bädern und Gesellschaftsräumen strahlt in ihren Säulengängen, Marmorhöfen und Paradiesgärten eine überirdische Ruhe aus, die schon manchen aufgeregten Besucher besänftigt hat.

„Ich bin kein Religionspolitiker, sondern ein Arzt, der es gewohnt ist, bei pathologischen Fällen Hilfe zu leisten“, sagt Boubakeur. Für ihn haben die Wahlen deutlich gemacht, wie fundamentalistisch der Islam in Frankreich ist. Aber in Belgien, Deutschland, Großbritannien oder Italien organisieren sich die Gemeinden ebenfalls meist um fundamentalistische Kerne. „Der europäische Islam“, seufzt Boubakeur, „geht diesen Weg, weil er das Geld der Wahhabiten bekommt, das Erdöl-Geld aus Saudi-Arabien. Wir aber haben hier keine Ölquelle.“ Dass Boubakeurs Moschee gleichwohl eine der prächtigsten in Nordeuropa ist, rührt von alters her. Als Ehrung für die hunderttausend Muslime, die für Frankreich im Ersten Weltkrieg gefallen waren, hatte die Regierung den 1926 eröffneten Bau großzügig mitfinanziert.

Der Erzbischof zürnt

In diesen heiligen Hallen soll jetzt der Zentralrat der Muslime zu dem aufsteigen, was die Bischofskonferenz für die Katholiken, die Synode für die Protestanten und das Konsistorium für die Juden ist: zu einem Verhandlungspartner für den Staat in allen Fragen der Religionsausübung. Es geht um die Ausbildung der Imame, die Finanzierung der Moscheen, die Einrichtung von islamischen Grabstätten, um islamische Feiertage, aber auch um Fragen von Mystik und Dogmatik. Die Vereinheitlichung der Gebräuche wird dabei keinen geringen Anpassungsdruck ausüben – auf die vielen Sekten und Splittergruppen ebenso wie auf die beiden großen fundamentalistischen Organisationen im Zentralrat. So muss die von Marokko geführte Nationale Föderation der Muslime (FNMF) ihre strengen Erziehungs- und Bekleidungsvorschriften dem Gleichstellungsgrundsatz und Verschleierungsverbot in französischen Schulen und Behörden unterordnen. Und die der extremistischen Muslim-Bruderschaft nahe stehende Union der islamischen Organisationen (UOIF) kann den Rechtsgutachten ihrer Gelehrten, den Fatwas, künftig nicht mehr bedingungslos Folge leisten.

Die schärfste Kritik am Zentralrat kommt von unerwarteter Seite. „Der Staat hat das Gleiche gemacht wie einst Napoléon, als er die Katholiken, Protestanten und Juden gleichschaltete“, zürnt der Pariser Erzbischof Jean-Marie Lustiger. „Der Islam ist jetzt auch zur Staatsreligion geworden.“ Solche Vorwürfe hört Vianney Sevaistere, der im Pariser Innenministerium das Zentralbüro für Kultus leitet, mit Gelassenheit. „Wir mischen uns nirgendwo ein, sondern leisten nur Organisationshilfe.“

Doch bis zur Harmonie der Religionen ist es für Präsident Boubakeur noch weit. „Die stärksten Gruppen nutzen systematisch die Frustrationen der Jugendlichen in den Vorstädten aus.“ Gerade in den nach 1970 eingewanderten afro-arabischen Familien nehmen die desorientierten Kinder begierig die Lehren radikaler Muslime auf, die ihnen eine Ersatzidentität als panarabische Kämpfer predigen. Vor allem seit der zweiten Intifada im Herbst 2000 spielen die Jugendlichen mit blutigem Eifer den israelisch-palästinensischen Konflikt nach, als lägen die Pariser Satellitenstädte Créteil oder Sorcelles im Westjordanland.

Für die sechshunderttausend Juden, die drittgrößte Religionsgruppe in Frankreich, liegt hierin ein enormes Bedrohungspotenzial. Der emeritierte Psychologieprofessor David Fuchs, der im Pariser Stadtviertel Marais das jüdische Kulturzentrum Bernard Lazare leitet, erlebte während der Irak-Demonstration am 22. März die Attacke einer Gruppe von Arabern gegen zwei Gemeindemitglieder, die sich nur mit knapper Not hinter die schweren Holztüren des Kulturzentrums retten konnten. „Es gibt für uns Juden neuerdings gefährliche Orte“, sagt Fuchs. „Aber in der Hauptsache liegen sie in der Banlieue, sind bekannt und deutlich begrenzt.“

Ohnehin lassen sich die Übergriffe gegen Juden nicht allein aus politisch-religiösen Motiven erklären. Sie gehören zur kriminellen Reaktion der arabisch-muslimischen Bevölkerung auf ihre Diskriminierung im Alltag. So lautet die Hauptkritik am Zentralrat, der Staat wolle mit Religionspolitik nur über seine mangelhafte Integrationspolitik hinwegtäuschen. Jetzt muss Präsident Boubakeur nicht nur die muslimischen Familienstreitigkeiten beilegen. Zugleich will er allen Franzosen beibringen, dass der soziale Status vieler musulmans gegen die Ehre der Republik verstößt. Aber die Religion wird nur begrenzt Abhilfe schaffen können. Denn lediglich zehn bis zwanzig Prozent der Muslime in Frankreich sind überhaupt religiös aktiv. Dies lässt aber auch einen positiven Befund zu: dass die schweigende Mehrheit von ihnen längst laizistisch eingestellt ist – ganz wie die Republik.

 
Service