Frankreich Fatwa adieuSeite 2/2
In diesen heiligen Hallen soll jetzt der Zentralrat der Muslime zu dem aufsteigen, was die Bischofskonferenz für die Katholiken, die Synode für die Protestanten und das Konsistorium für die Juden ist: zu einem Verhandlungspartner für den Staat in allen Fragen der Religionsausübung. Es geht um die Ausbildung der Imame, die Finanzierung der Moscheen, die Einrichtung von islamischen Grabstätten, um islamische Feiertage, aber auch um Fragen von Mystik und Dogmatik. Die Vereinheitlichung der Gebräuche wird dabei keinen geringen Anpassungsdruck ausüben – auf die vielen Sekten und Splittergruppen ebenso wie auf die beiden großen fundamentalistischen Organisationen im Zentralrat. So muss die von Marokko geführte Nationale Föderation der Muslime (FNMF) ihre strengen Erziehungs- und Bekleidungsvorschriften dem Gleichstellungsgrundsatz und Verschleierungsverbot in französischen Schulen und Behörden unterordnen. Und die der extremistischen Muslim-Bruderschaft nahe stehende Union der islamischen Organisationen (UOIF) kann den Rechtsgutachten ihrer Gelehrten, den Fatwas, künftig nicht mehr bedingungslos Folge leisten.
Die schärfste Kritik am Zentralrat kommt von unerwarteter Seite. „Der Staat hat das Gleiche gemacht wie einst Napoléon, als er die Katholiken, Protestanten und Juden gleichschaltete“, zürnt der Pariser Erzbischof Jean-Marie Lustiger. „Der Islam ist jetzt auch zur Staatsreligion geworden.“ Solche Vorwürfe hört Vianney Sevaistere, der im Pariser Innenministerium das Zentralbüro für Kultus leitet, mit Gelassenheit. „Wir mischen uns nirgendwo ein, sondern leisten nur Organisationshilfe.“
Doch bis zur Harmonie der Religionen ist es für Präsident Boubakeur noch weit. „Die stärksten Gruppen nutzen systematisch die Frustrationen der Jugendlichen in den Vorstädten aus.“ Gerade in den nach 1970 eingewanderten afro-arabischen Familien nehmen die desorientierten Kinder begierig die Lehren radikaler Muslime auf, die ihnen eine Ersatzidentität als panarabische Kämpfer predigen. Vor allem seit der zweiten Intifada im Herbst 2000 spielen die Jugendlichen mit blutigem Eifer den israelisch-palästinensischen Konflikt nach, als lägen die Pariser Satellitenstädte Créteil oder Sorcelles im Westjordanland.
Für die sechshunderttausend Juden, die drittgrößte Religionsgruppe in Frankreich, liegt hierin ein enormes Bedrohungspotenzial. Der emeritierte Psychologieprofessor David Fuchs, der im Pariser Stadtviertel Marais das jüdische Kulturzentrum Bernard Lazare leitet, erlebte während der Irak-Demonstration am 22. März die Attacke einer Gruppe von Arabern gegen zwei Gemeindemitglieder, die sich nur mit knapper Not hinter die schweren Holztüren des Kulturzentrums retten konnten. „Es gibt für uns Juden neuerdings gefährliche Orte“, sagt Fuchs. „Aber in der Hauptsache liegen sie in der Banlieue, sind bekannt und deutlich begrenzt.“
Ohnehin lassen sich die Übergriffe gegen Juden nicht allein aus politisch-religiösen Motiven erklären. Sie gehören zur kriminellen Reaktion der arabisch-muslimischen Bevölkerung auf ihre Diskriminierung im Alltag. So lautet die Hauptkritik am Zentralrat, der Staat wolle mit Religionspolitik nur über seine mangelhafte Integrationspolitik hinwegtäuschen. Jetzt muss Präsident Boubakeur nicht nur die muslimischen Familienstreitigkeiten beilegen. Zugleich will er allen Franzosen beibringen, dass der soziale Status vieler musulmans gegen die Ehre der Republik verstößt. Aber die Religion wird nur begrenzt Abhilfe schaffen können. Denn lediglich zehn bis zwanzig Prozent der Muslime in Frankreich sind überhaupt religiös aktiv. Dies lässt aber auch einen positiven Befund zu: dass die schweigende Mehrheit von ihnen längst laizistisch eingestellt ist – ganz wie die Republik.
- Datum 30.04.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 30.04.2003 Nr.19
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