Ich brauche jetzt ein Jackett." Moritz versetzte seine Eltern nach ein paar Tagen Montessori-Schule in Staunen. So hatten sie sich das nicht gedacht. Mitten im ersten Schuljahr waren sie von Berlin nach Potsdam umgezogen, auch wegen dieser Schule, die im Ruf steht, Kinder zu begeistern. Wozu brauchen dort Erstklässler ein Jackett? "Ich muss einen Vortrag halten", antwortete Moritz.

Schon die Kleinsten halten Vorträge. Noten gibt es bis zur 8. Klasse nicht – wie im Schulmusterland Schweden. Aber was für eine Prüfung ist so ein Vortrag! Welche Vorfreude und Aufregung, welche Scham, welcher Stolz und was für eine Leistung! Moritz’ erster Auftritt handelte von Pferden. Inzwischen ist er im fünften Jahrgang und referiert souverän über Experimente mit Lichtstrahlen. Im Jackett ging er übrigens nur einmal zur Schule. Dass Vortrag und eine bestimmte Kleidung zusammengehören, kannte er von seinem Vater, der inzwischen drei Söhne an der Montessori-Gesamtschule Potsdam hat. Christoph Miethke ist Vorsitzender des Fördervereins. Er ist Unternehmer und gerade dabei, mit einem neurochirurgischen Implantat den Weltmarkt zu erobern. In manchen Monaten verbringt er mehr Zeit auf Kongressen in den USA und bei Besprechungen in Japan als zu Hause. Dennoch, das Engagement für die Montessori-Schule Potsdam ist für ihn das Dritt- oder Viertwichtigste im Leben. Warum? "Ja warum", stutzt er, "ich bin verliebt in diese Schule." Schließlich gehe es dort um die gleiche Haltung wie in seiner Firma. "Was rauskriegen und mitmachen, das bringt Freude."

Miethkes jüngster Sohn Tillmann geht in die erste Klasse. Das bedeutet hier allerdings, dass er zusammen mit Schülern aus dem ersten, zweiten und dritten Jahrgang lernt. In altersgemischten Gruppen voneinander zu lernen, zusammenzuleben und sich gegenseitig zu erziehen wie Geschwister, das ist eine der Grundideen aus der Reformpädagogik, sei es der von Peter Petersen oder der von Maria Montessori. Erst gehört das Kind zu den Jüngeren, dann zu den Älteren, und wenn es in die nächste Gruppe, die der Viert-, Fünft- und Sechstklässler kommt, ist es wieder ein Anfänger. So soll gar nicht erst die Illusion aufkommen, Kinder könnten im Gleichschritt unterrichtet werden.

Unterricht, wie man ihn kennt, gibt es hier ohnehin meist nicht. Tagesanfang in einer der drei parallelen Klassen mit dem ersten, zweiten und dritten Jahrgang. Die Schüler sitzen im Halbkreis und lauschen dem achtjährigen Jacob, der über Apfelsorten doziert. Früher gab es mal 32, jetzt mehr als 2000 Sorten. Neben Jacobs gut geordneten Notizzetteln stehen sechs Schalen voller Apfelscheiben. In jeder eine andere Sorte. Die reicht er nun herum. Auch schmecken ist eine Übung im Unterscheiden. Und lernen heißt hier eher, Unterschiede zu erkennen, als etwas zu kopieren. Jacob erzählt weiter, was er über Blüten, Ernte und Sorten herausfinden konnte, und die Kinder fragen nach. Wer bloß etwas aus Büchern zusammengeschrieben hat, kommt hier nicht weit. Aber warum auch mogeln? Das Leben ist so vielfältig, es schmeckt, und es gibt so viel zu wissen – weshalb sich dann betrügen?

Anschließend stehen Schneeglöckchen auf dem Programm. Warum gibt es nur weiße? Manche Fragen bleiben offen. Dann kommen Kritik und Lob aus dem Halbkreis. Die Vorträge waren wieder einmal zu lang. Höchstens zehn Minuten und anschließend fünf Minuten für Fragen, so soll es sein. "So, jetzt noch eine Viertelstunde für Malte", interveniert die Lehrerin. Malte hat sich auf Kastanien vorbereitet. Als Erstes erfährt man, dass Esskastanien gar keine Kastanien sind, sondern Verwandte der Buchen.

Vortrag über Schneeglöckchen

In der zweiten Stunde wird dem Besucher eine Augenbinde gereicht. Das gehört mit zum Ritual, das im vergangenen Jahr mehr als 800 Gäste dieser Schule gern ertragen haben. Warum denn eine Augenbinde? "Jetzt ist Freiarbeit", erklärt Ulrike Kegler, die Schulleiterin. "Hören Sie doch einfach mal nur zu." Manch einer kommt mit der Erwartung, in einer so frei arbeitenden Schule müsse man sich wohl häufig die Ohren zuhalten. Falsch. Wenn man nichts sieht, bemerkt man erst, wie vorsichtig und rücksichtsvoll die Kinder miteinander sprechen. Dabei macht in dieser und der folgenden Stunde jeder etwas anderes: Vorträge vorbereiten, sich gegenseitig Rechtschreibübungen diktieren, mit den vielen Materialien zum Rechnen experimentieren. Und manche machen scheinbar gar nichts. Daniela, die eben noch den Vortrag über Schneeglöckchen gehalten hat, geht quer durch den Raum, bleibt stehen, guckt nach unten, mindestens eine halbe Minute lang, blickt ganz ernst, lächelt in sich hinein, kehrt um, holt sich einen Holzkasten mit Perlen und anderem Material für Rechenübungen aus dem Regal und setzt sich auf den Boden. Was mag da wohl passiert sein? Das sind die Augenblicke, von denen Ulrike Kegler meint, sie seien die wichtigsten, und alles andere sei ohne sie fast nichts. Denn Lernen sei so verschlungen und diskontinuierlich wie ein Forschungsprozess oder wie moderne Musik. Langsam baut sich etwas auf. Verschiedenes wird ausprobiert. Nicht alles will passen, und dann das Aha, leuchtende Augen, ein Crescendo der Neuronen.

Am beeindruckendsten sind in dieser Schule die Gesichter der Schüler. Diese Schönheit beim Erwachen und allmählichen Erwachsenwerden von Intelligenz ist ein unschlagbares Argument. Kein Wunder, dass mancher, der das gesehen hat, umzieht.