Deutschlands Kultusminister sind drauf und dran, einer der wenigen Erfolgsgeschichten aus der Welt der Schule ein plötzliches Ende zu bereiten. Das wäre fatal.

Die Erfolgsgeschichte trägt den sperrigen Titel Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts (Sinus). Das groß angelegte Programm beweist, dass auch hierzulande möglich ist, was viele den vermeintlich unbeweglichen Deutschen nicht zutrauen: die schnelle Reaktion auf Missstände an Schulen; eine Reform des Unterrichts, des Kerngeschäfts der Lehranstalten; die Mobilisierung der viel gescholtenen Lehrerschaft für Veränderungen – und das alles gar in Zusammenarbeit von Bund und Ländern.

Die erste Stufe von Sinus, an der sich 180 Schulen beteiligten, wurde vergangene Woche mit der Präsentation von Unterrichtsbeispielen in Berlin abgeschlossen. Die zweite Stufe soll im Herbst starten – wenn, ja wenn die Kultusminister bis zum 1. Juli 1000 Schulen für die Teilnahme melden. Wenn nicht, und die Gefahr besteht, wäre Sinus ein Platz auf dem großen Friedhof der Schulversuche beschieden. Und das in Zeiten von Pisa!

Sinus ist die Antwort auf den Vorboten der Pisa-Studie: 1997 schockte Timss (Third International Mathematics and Science Study) Lehrer, Eltern und Öffentlichkeit. In der internationalen Vergleichsstudie über Schülerleistungen in Mathematik und den Naturwissenschaften landete Deutschlands Nachwuchs glanzlos im Mittelfeld.

Was Fachleute an den Timss-Befunden noch mehr erschreckte: Die deutschen Schüler können zwar leidlich Gleichungen lösen, ihnen fehlt aber das Verständnis für ihr Tun. Mathematik als mächtige Sprache zum Beschreiben und Verändern der Welt? Nie gehört. Mit den Naturwissenschaften, dieses Bild vermittelt die Schule den Nachfahren Einsteins und Plancks, entdeckt der Mensch allmählich den Bauplan des Universums. Konstruktivismus? Unbekannt. Videostudien im Rahmen von Timss zeigten zudem, dass der deutsche Matheunterricht eine Karikatur auf das sokratische Gespräch ist: Ein Pingpong-Spiel, bei dem der Lehrer den Schülern die Lösungen häppchenweise preisgibt.

Noch im Jahr 1997 verfassten Wissenschaftler um den Berliner Bildungsforscher Jürgen Baumert einen Plan zur Modernisierung des Unterrichts. Schon 1998 startete Sinus als Modellprogramm der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung (BLK).

Und so krempelten Hunderte von Pädagogen ihren Unterricht um. An der Hamburger Realschule Fabriciusstraße lässt der Mathematiklehrer seine Schüler nicht mehr abstrakt Zylinderinhalte berechnen, sondern vermittelt Geometrie am Beispiel des Kolosseums von Rom. Statt den Schülern die Lösungen vorzukauen, lässt er sie selbst in Gruppen daran knobeln und greift erst ein, wenn sie nicht weiterwissen.