Seinen Job bekam Marek Brunner bei einer Geburtstagsparty. Als der damals 19-Jährige hörte, wie ein Gast sich lautstark über Computerspiele ereiferte, konnte er sich nicht mehr beherrschen. "Ich bin in meinem ganzen Leben nur zweimal richtig wütend geworden, und das war das eine Mal", erinnert er sich heute. "Ich habe dem Mann kräftig Kontra gegeben." Zufällig hörte eine Angestellte des Fördervereins für Jugend- und Sozialarbeit den jungen Mann, der sein Hobby so vehement gegen einen älteren Partygast verteidigte. Noch am selben Abend warb sie Brunner für ein neues Projekt ihrer Institution: die Unterhaltungssoftware SelbstKontrolle (USK), die Altersfreigaben für Computerspiele erstellen sollte – eine Art freiwillige Begutachtungsinstanz (siehe Kasten).

Seit 1995 wird Marek Brunner nun dafür bezahlt, dass er spielt. In acht Jahren hat sich der studierte Medieninformatiker im Auftrag der USK durch mehr als 4000 Computerspiele gearbeitet. Er ist unter der Marsoberfläche durch Raumstationen gerannt und hat wild um sich geschossen, er ist durch Höhlen gekrochen und hat dabei Zauberschlüssel und Munition gesammelt, er hat Rätsel gelöst und versteckte Türen gefunden, er hat kleine Affen in Plastikkugeln durch ein Labyrinth manövriert und so viele herabfallende Würfel wie möglich aufgefangen. Spaß mache ihm das immer noch, sagt er. "Vor acht Jahren habe ich gedacht, mit Anfang 20 ist es mit dem Spielen vorbei." Doch inzwischen ist er 27 und der dienstälteste Spieletester bei der USK.

Dort führt Brunner ein- bis zweimal pro Woche Auszüge eines Games einem Gremium von drei Gutachtern vor. Die entscheiden dann darüber, ob ein Spiel für Nutzer ab sechs, ab zwölf oder ab sechzehn Jahren freigegeben wird. Sie prüfen, ob das Spiel gewalttätig ist oder Symbole einer verfassungswidrigen Vereinigung enthält. Ein historisch korrektes Hakenkreuz hat sogar schon Flugsimulatoren, die während des Zweiten Weltkriegs spielen, das Rating gekostet. Trotz des schlechten Rufs, den Computerspiele in Deutschland haben, hat die USK 2001 über die Hälfte der vorgelegten Games "ohne Altersbeschränkung" freigegeben. Nur 2,4 Prozent der Spiele bewertete sie als "nicht geeignet unter 18 Jahren".

Bisher handelte es sich bei den USK-Ratings, die auf der Verpackung abgedruckt werden, lediglich um Empfehlungen. Das neue Jugendschutzgesetz aber verpflichtet die deutschen Händler, sich an diese Altersbegrenzungen zu halten. Wer heute einem Jugendlichen ein Computerspiel verkauft, muss sich einen Altersnachweis vorlegen lassen.

Ohne USK-Rating darf also kein Spiel veröffentlicht werden, das man auch an Jugendliche verkaufen will. Peter Gerstenberger, der Leiter der USK, ist darüber verärgert, weil die neue Regelung bedeutet: "Alle Computerspiele sind für Kinder und Jugendliche verboten, bis sie im Einzelfall freigegeben werden." Offensichtlich habe die digitale Kultur keinen guten Ruf. "Beim Buch verfahren wir nicht so", sagt Gerstenberger. Deutschland hat die weltweit schärfsten Gesetze zum Vertrieb von Computerspielen. In den USA werden Spiele mit brutalen Gewaltdarstellungen nur selten auf den Index gesetzt, in Großbritannien unterzieht man nur jedes zehnte Game einer Stichprobe.

Die neue Regelung führt zu absurden Konsequenzen: Das Geduldsspiel Tetris, das Mitte der achtziger Jahre auf den Markt kam, darf nun nur noch an Erwachsene verkauft werden – damals nämlich gab es noch keine USK, die Alterssiegel vergab. Und alle Spiele, die kein Rating haben, sind automatisch ab 18 Jahren freigegeben. Trotz solcher Macken findet Brunner, dass das neue Gesetz "für den Jugendschutz der richtige Weg ist". Auch Hersteller und Handel haben nun eine gewisse Rechtssicherheit: Wenn ein Spiel von der USK freigegeben worden ist, können – im Gegensatz zu früher – Spiele nicht mehr von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert und damit vom offenen Verkauf ausgeschlossen werden.

Dadurch hat die kleine USK, bisher eine freiwillige Organisation der deutschen Softwarefirmen, plötzlich sehr viel Macht auf dem großen Markt der Computerspiele bekommen: Immerhin 1,2 Milliarden Euro wurden mit den gut 1000 Titeln umgesetzt, die im vergangenen Jahr in Deutschland erschienen sind. Jetzt muss jedes dieser Games von der USK geprüft werden, sei es ein Ballerspiel, sei es ein Puzzle oder eine Simulation, in der man Barbie ein neues Zuhause einrichtet.

In den vergangenen Monaten kamen die Gutachter der USK häufiger als je zuvor zum Spielesichten zusammen. Viele Firmen wollten wegen des neuen Jugendschutzgesetzes noch schnell ein Rating für ihre neuen Games bekommen. Bis zu dreimal pro Woche sitzen zurzeit Pädagogen und Jugendsozialarbeiter in einem kleinen Büro in Berlin-Friedrichshain und beurteilen Spiele am Fließband: 25 Spiele und mehr in einer Sitzung. Gerstenberger schätzt, dass die Zahl der Games, die die USK zu prüfen hat, in diesem Jahr um etwa 50 Prozent ansteigen wird.